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Kritik: Jetzt. Nicht. (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die 1980 geborene Julia Keller hat ein Regiestudium an der Kunsthochschule für Medien in Köln absolviert – und legt mit "Jetzt.Nicht." ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vor, welcher auf dem diesjährigen Filmfestival Max-Ophüls-Preis seine Premiere feierte. Das Drehbuch verfasste Keller gemeinsam mit Janis Mazuch, der auch für die Kameraführung verantwortlich zeichnet; die Regisseurin und Co-Autorin übernahm zudem die Montage des Werks. Das Ergebnis in all diesen Bereichen ist äußerst bemerkenswert: Das Sozialdrama erzählt in erlesenen Bildern eine spannungsreiche Geschichte über einen Menschen, der sich durch seinen Beruf definiert – und nach seiner Entlassung vor dem Nichts zu stehen glaubt.

Zu Beginn wird die Geschäftswelt, in welcher sich der Protagonist Walter bewegt, in präzisen Szenen eingefangen. Um seine Marketing-Kampagne für ein Anti-Aging-Produkt zu präsentieren, greift der Manager auf Phrasen wie "YOLO" ("You Only Live Once") zurück – und legt im Umgang mit seinen Kollegen ein passiv-aggressives Verhalten an den Tag. Großartig umgesetzt ist auch die überraschende Kündigung: Während die Herren am Tisch noch über die Modalitäten der Trennung im (angeblichen) Einvernehmen und über einen Aufhebungsvertrag sprechen, blickt Walter aus dem Fenster, zupft Blätter aus einer Büropflanze und nimmt die Äußerungen kaum noch wahr; der Song "Easy" von Son Lux (welcher auch an späterer Stelle noch zu hören sein wird) erklingt – und der soeben arbeitslos gewordene Walter verlässt wie ein Krieger nach einer verlorenen Schlacht in Slow Motion das Gebäude. Immer wieder gelingen Keller und Mazuch solche eindrücklichen Passagen – etwa wenn der betrunkene Walter nach einer Club-Nacht mit Boxhandschuhen auf einen Laternenpfahl einschlägt, um seine Frustration, seinen Zorn und seine Angst zu bekämpfen. Herrlich absurd ist ein Vorstellungsgespräch, dem sich Walter unter falscher Identität stellt.

Godehard Giese ("Im Sommer wohnt er unten") vermag die Arroganz, aber ebenso die Verletzlichkeit der Hauptfigur perfekt zu vermitteln; er macht die Leere, die sich plötzlich in dem Workaholic auftut, spürbar – lässt jedoch auch erkennen, dass Walter im Laufe der Handlung zu Erkenntnissen (vor allem über sich selbst) gelangt. Mit Loretta Pflaum ("Schläfer") als Walters Gattin hat Giese eine sehr gute Leinwandpartnerin; die Ehe zwischen Walter und Nicola, in welcher ein Leben ohne beruflichen Erfolg und ohne Wohlstand schon lange nicht mehr denkbar ist, wird glaubwürdig dargestellt.

Fazit: In hervorragender Bildgestaltung wird die deutsche Business-Welt in all ihrer Härte und all ihrem Irrwitz gezeigt – und überaus klug die Situation eines Mannes beobachtet, der aus dieser Welt verstoßen wird. Godehard Giese agiert sensationell.





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