VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Welt sehen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der zweite Kinofilm der Schwestern Delphine und Muriel Coulin wurzelt erneut in deren bretonischer Heimat. "17 Mädchen" (2011) spielte direkt in der Hafenstadt Lorient, nun stammen die beiden Hauptfiguren von dort. Der eigentliche Handlungsort Zypern mag als scharfer Kontrast zwischen Kriegstrauma und Traumurlaub dienen, um die Hierarchie und die damit einhergehenden Dynamiken des Militärs offenzulegen; auch mag er am Rande immer etwas über die Wirtschaftskrise und die Spaltung Europas erzählen. Im Kern bleibt "Die Welt sehen" wie sein filmischer Vorgänger aber eine Geschichte über die Selbstermächtigung junger Frauen aus der französischen Provinz. Und auch dieses Mal scheitern die komplexen Hauptfiguren an den verkrusteten Strukturen ihrer Umwelt.

Weshalb Aurore (Ariane Labed) und Marine (Soko) sich für den Dienst an der Waffe entschieden haben, erfahren wir erst allmählich. Die Erzählung selbst setzt mit dem Landeanflug auf die Mittelmeerinsel ein. Wie die Coulins diese ersten Minuten inszenieren, mit jedem Schnitt den Blick weiten und das nächste Detail enthüllen, ist ganz fabelhaft, weil sie jedes unnütze Wort vermeiden. Auch danach bleibt vieles unausgesprochen. Und doch vermögen wir alles zwischen den Zeilen zu lesen, in den Gesichtern der Figuren oder in Jean-Louis Vialards dezenten, aber schön komponierten Bildern.

Der Mikrokosmos im Fünfsternehotel ist ein grotesker. Hier die englischen und russischen Touristen, die sich halb nackt am Pool amüsieren, während die Menschen draußen keine Arbeit haben. Dort die Soldaten, schon in ihren monotonen Outfits klar vom Rest geschieden, die ihre innere Leere mit einer Überdosis von allem zuschütten, obwohl sie sich im Grunde gar nicht amüsieren wollen. Alle Beteiligten, allen voran Ariane Labed und Soko als Aurore und Marine, spielen das beeindruckend. Ihre Anspannung ist förmlich greifbar.

Delphine und Muriel Coulin lassen sich und ihren Figuren viel Zeit, bevor die Dramaturgie unweigerlich auf ihren Kulminationspunkt zusteuert. Dabei geht es den Schwestern immer um Grenzen. Sie zeigen, wie einfach es ist, diese wissentlich zu überschreiten. Letztlich sind es unüberwindbare Gräben entlang der Geschlechtergrenzen, die Aurore die Illusion einer Selbstermächtigung durch Gleichberechtigung im Militär rauben. Während für sie zumindest ein Hoffnungsschimmer bleibt, fällt das Ende für zwei andere Soldatinnen konsequent düster aus.

Fazit: "Die Welt sehen" ist ein beeindruckend gespieltes und fotografiertes, düsteres Drama in der prallen Sonne. Delphine und Muriel Coulin gelingt erneut ein überzeugender Film über weibliche Selbstermächtigung, der ganz nebenbei einen Blick auf das (französische) Militär und auf Europa wirft.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.