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Auf der Suche nach dem Oum Kulthum
Auf der Suche nach dem Oum Kulthum
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Kritik: Auf der Suche nach Oum Kulthum (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Eines Nachts steht die Regisseurin Mitra (Neda Rahmanian) in ihrem Hotelzimmer und blickt auf ihre Recherche. Die Wand ist übersät mit Zetteln, Fotos, Zeitungsberichten und Schnipseln, dem Ermittlungsbüro eines Kriminalfilms nicht unähnlich. Denn auch hier ist jemand auf Spurensuche gegangen, hat sich einer Person minutiös genähert. Draußen, hinter den schwarzen Vorhängen, wogt das Mittelmeer dunkel und dräuend heran. Diese Wand, dieses Zimmer, die Stimmung darin sind Ausdruck von Mitras innerer Verfasstheit. Und als Zuschauer bleibt uns gar nichts anderes übrig, sie auch als Metapher auf Shirin Neshats Schaffensprozess zu begreifen.

"Auf der Suche nach Oum Kulthum" ist Neshats zweiter Spielfilm. Für ihren ersten, die Romanadaption "Women Without Men" (2009), hat sie bei den Festspielen in Venedig einen Silbernen Löwe erhalten. Vor ihrem Wechsel zum Film feierte sie bereits als Fotografin und Videokünstlerin große Erfolge. Eigentlich wollte die gebürtige Iranerin, die seit Jahrzehnten in den USA lebt, ein Biopic über Ägyptens berühmteste Sängerin drehen. Herausgekommen ist ein Film über die Unwägbarkeiten des Filmemachens, ein Film im Film, eine Metafiktion, die gemeinsam mit Mitras auch Shirin Neshats Scheitern dokumentiert, es in eine virtuose Selbstbespiegelung und eine kontemplative Branchen- und Medienreflexion überführt.

Zwei Sequenzen, die wir als innere Monologe, als visualisierte Gedanken oder schlicht als Träume begreifen können, bilden die inhaltliche Klammer dieses Films. Kameramann Martin Gschlacht fängt sie mit traumwandlerischer Sicherheit ein. Sein Arbeitsgerät gleitet geschmeidig dahin, scheint zu schweben. Ebenso fließend vollführt Shirin Neshats und Shoja Azaris Drehbuch die Übergänge zwischen den Realitätsebenen. Mal sind wir im Film, dann wieder im Film im Film. Welchem Gefühl wir gerade beiwohnen, dem der Hauptdarstellerin Ghada (Yasmin Raeis) während der Dreharbeiten oder dem der von ihr verkörperten Figur Oum Kulthum, lässt sich nicht immer eindeutig entscheiden.

Aus dieser Offenheit, aus dieser Unschärfe an den Rändern zieht "Auf der Suche nach Oum Kulthum" seinen größten Reiz. Im Zentrum stehen andere Fragen: die nach der Rolle der Frauen in der Filmindustrie, die nach dem Verhältnis zwischen Karriere und Familie, die nach der Freiheit der Kunst im Umgang mit einem Nationalheiligtum. Die Antworten darauf bleiben vage. Die Person hinter der Ikone Oum Kulthum bekommt der Film nicht zu fassen. Am Ende haben wir die Regisseurin Shirin Neshat besser verstanden, als die Figur, um die ihr jüngstes Werk kreist.

Fazit: Shirin Neshats zweiter Spielfilm "Auf der Suche nach Oum Kulthum" ist ein traumwandlerisch inszeniertes Drama, das virtuos um sich selbst kreist, die titelgebende ägyptische Sängerin allerdings nicht findet.




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