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FBW-Bewertung: Freiheit (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Nora streift einsam durch die Straßen Wiens. In der glatten, abweisenden Oberfläche der Schaufenster spiegelt sich die Seele einer Suchenden, die die oberflächliche Perfektion ihres Lebens satt hat. In nur wenigen Minuten zieht die überragende Johanna Wokalek den Zuschauer in ihren Bann. Er folgt ihr gerne auf Noras Odyssee, aufder sie vor dem eigenen Ich und ihrer Vergangenheit flieht. Sie wird Zeugin eines Raubüberfalls und verschwindet spurlos. Später gabelt sie einen jüngeren Typen für einen One-Night-Stand auf. In der Konversation beweist der junge Autor und Regisseur Jan Speckenbach auch sein Gespür für lakonische, originelle Dialoge, die den Film prägen.
Nora wechselt Namen und Plätze, sie erlebt die Oberflächlichkeit von Reisebekanntschaften. In Bratislava bleibt sie länger. In der slowakischen Metropole nimmt sie einen schlecht bezahlten Job in einem Luxushotel an und freundet sich mit einer Familie an. Als sie mit in den Alltag des Vierpersonenhaushalts eintaucht, kehren die Erinnerungen an die eigenen Kinder und den Mann zurück, die sie Hals über Kopf in Berlin verlassen hatte. Sie spürt, dass sie auch bei einem Neuanfang in der Fremde Gefangene ihres bisherigen Lebens und ihres Charakters bleibt.
Die ersehnte Freiheit erweist sich für die Anwältin und Mutter als Illusion, die Erkenntnis führt der Regisseur zum einzig logischen Ende. Sentimentalitäten und Illusionen sind dem Film jedoch fremd, er setzt auf hohe Authentizität und die genaue Psychologisierung der Figuren. Aus ihnen entwickelt sich die dramaturgisch schlüssige Handlung.
Wenn die Freiheit des Individuums aber immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sein sollte, ist nur konsequent, der anderen Hälfte des einstigen Paares den gleichen filmischen Raum wie Nora einzuräumen. Hans-Jochen Wagner, raumfüllend in seiner Erscheinung, spielt die Verzweiflung von Noras Ex leise, er frisst den Frust in sich rein. Er funktioniert für den Job und ist mit den beiden Kindern überfordert, die unter der Ungewissheit leiden, warum die Mutter die Familie ohne Erklärung verließ. Dass sie nur kurz raus wollte und ihr Mann sie bat, Zigaretten mitzubringen, mag für Teile der Jury etwas zu viel der Erklärung sein, dass die herkömmliche Konstellation im Geschlechterverhältnis umgedreht wurde.
Die beiden Schicksale verbindet Speckenbach stringent zu einem Ganzen, niemals ergreift er Partei. Er ist sich seiner filmischen Mittel sehr sicher, untermalt mit der Musik treffend die Gefühle seiner Protagonisten und findet nicht zuletzt schnell einen stimmigen Rhythmus. Die Nebenrollen sind präzise besetzt, die Nebenhandlungsstränge zu Beruf und sozialen Beziehungen der Ex-Partner treiben die Handlung elegant und konstruktiv voran.
Vor allem setzt der junge Filmemacher auf zwei grandiose Hauptdarsteller. Seine Geschichte einer schmerzhaften Separation und einer tiefen Verunsicherung ist jedoch mehr als ein Familiendrama. Es verweist in der Subebene auf eine Grundfrage der Gesellschaft, das Spannungsfeld zwischen Individualität, Freiheit und dem Glücksversprechen auf der einen, dem Eingebundensein in Zwänge und Strukturen auf der anderen Seite, das jeden Tag im Kleinen wie im Großen neu austariert werden muss.



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