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Jeannette: The Childhood of Joan of Arc
Jeannette: The Childhood of Joan of Arc
© Memento Films

Kritik: Jeannette - Die Kindheit der Jeanne d'Arc (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die französische Nationalheldin Jeanne d‘Arc war nicht nur eine Befreiungskämpferin im Hundertjährigen Krieg, sondern auch eine tief gläubige Christin. Die Befehle, in den Krieg zu ziehen, erhielt die junge Frau, die 1431 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde, nach eigenem Bekunden von göttlicher Seite. Der Musicalfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Bruno Dumont ("Die feine Gesellschaft") versetzt sich mit modern anmutender Kreativität in die Kindheit Jeanne d‘Arcs hinein.

Der Film über das Hirtenmädchen, das von allen Jeannette gerufen wird, entstand 2017 und kommt nun kurz vor dem Kinostart des Nachfolgerfilms "Jeanne d‘Arc" ebenfalls in deutsche Kinos. Wer einen biederen Historienfilm erwartet, wird überrascht sein, denn Dumont lässt Jeannette und die wenigen Nebenfiguren häufig singen und tanzen, und das zu Metal-Musik von Igorrr. Es entstehen spannende Verfremdungseffekte aus dem Brückenschlag zwischen der längst vergangenen Zeit und Stilformen der Gegenwart. Jeannette bedient sich einer sehr gewählten, bühnenhaften Sprache – die Texte stammen aus Werken des 1914 verstorbenen Schriftstellers Charles Péguy.

Jeannettes tiefe Gläubigkeit entspricht sicherlich der Epoche – auch die beste Freundin Hauviette ist fromm. Jeder Gedanke muss sorgfältig abgewogen werden, denn er könnte Gott missfallen. Aber geistig ringt Jeannette nach Kräften, um scheinbar Unvereinbares wie die Notwendigkeit eines patriotischen Kriegs, ihren eigenen Tatendrang und religiösen Gehorsam unter einen Hut zu bringen. Dabei vollzieht sie ihre eigene mentale Revolution.

Sehr modern wirkt die filmische Idee, dass sich Jeannette am sandigen Flussufer bei den Schafen in ihrer Fantasie wie auf einer Freilichtbühne inszeniert haben mag. Sie vollführt selbstermutigende Tanzrituale, praktiziert das Headbanging. Die Ordensschwester erscheint in doppelter Gestalt und die drei Heiligen schweben aufrecht vor einem Baum am Fluss. Das besitzt alles eine gewisse frische Komik, und wenn auf Jeannettes eindringliche Gesänge wiederholt ein blökendes Schaf antwortet, klingt das nach geerdetem Spott. Womöglich ist die Ursache für Jeannettes Visionen die tägliche Einsamkeit, die die Fantasie befördert. Jeanne d‘Arc wurde 1920 von der Kirche heiliggesprochen und auch der Film würdigt ihre Religiosität. Das muss nicht ausschließen, dass ihre Visionen auch psychologischer gedeutet werden dürfen.

Fazit: Der Regisseur Bruno Dumont erzählt in diesem Musicalfilm, wie die französische Nationalheldin Jeanne d‘Arc als Kind den himmlischen Auftrag erhielt, in den Krieg gegen die englischen Besatzer zu ziehen. Der kreative Ideenreichtum der Inszenierung, die eine Brücke zwischen dem 15. Jahrhundert und der Gegenwart schlägt, wirkt sehr erfrischend. Dabei gehen damalige Frömmigkeit und eine theaterhaft gewählte Ausdrucksweise eine aufregende Verbindung mit verspielt-modernen Tanzchoreografien und Metal-Klängen ein. Es gelingt dem Film, sich plausibel in die Persönlichkeit dieses Hirtenmädchens einzufühlen.




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