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Kritik: Ailos Reise - Große Abenteuer beginnen mit kleinen Schritten (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Idee zu "Ailos Reise" kam dem gelernten Biologen, Wissenschaftsjournalisten und Naturfilmer Guillaume Maidatchevsky im Kreise seiner Familie. Weil seine beiden Kinder, damals vier und sechs Jahre alt, zwar bestens über Afrikas Tierwelt Bescheid wussten, Rentiere aber nur vom Weihnachtsmann kannten, beschloss er, diese Wissenslücke zu schließen. Die Entscheidung, nicht bloß einen Dokumentarfilm, sondern eine dramaturgisch aufgebaute Geschichte mit tierischen Charakteren zu erzählen, stand von vornherein fest. Sie ist Stärke und Schwäche zugleich.

Tierfilme neigen dazu, ihre Protagonisten zu vermenschlichen, besonders dann, wenn sie sich an Kinder und Familien richten. Auch "Ailos Reise" bedient sich dieses Stilmittels. Dann ist im Off-Kommentar von einer Mutter die Rede, die mit ihrem Neugeborenen fremdelt oder von Rentieren, die morgens nur schwer aus dem Bett kommen und mit anderen Waldbewohnern zur Schule gehen. Es ist das größte Manko eines ansonsten gelungenen Dokumentarfilms, denn die Vermenschlichung verstrickt sich permanent in Widersprüche und erzeugt einen streckenweise unausgewogenen Ton zwischen harten Fakten und butterweichen Euphemismen.

Während die dramaturgischen Mittel mit ihren dramatischen wie humoristischen Zuspitzungen wunderbar funktionieren, um das große wie kleine Publikum bei Laune zu halten, klafft zur Art der vermittelten Fakten eine arge Diskrepanz. Einerseits bringt Maidatchevsky seinen (jungen) Zuschauern auf behutsame Weise den Kreislauf der Natur näher, zu dem auch das Fressen und Gefressenwerden gehört. Man dürfe den Wölfen etwa nicht böse sein, sie handelten ja nur instinktiv. Zu all den Tieren mit menschlichen Eigenschaften, denen mancher Kommentar ziemlich viel Vernunft und freien Willen nahelegt, will das nicht recht passen.

Visuell ist die Reise des kleinen Rentiers überwältigend. Kameramann Daniel Meyer liefert tolle, mitunter spektakuläre Landschaftsaufnahmen quer durch alle Jahreszeiten. Anke Engelke leiht der deutschen Version ihre ruhige Stimme und erdet den Film immer dann, wenn Julien Jaouens für Dramatisierungen anfällige Musik abzuheben droht. Trotz der Mängel ist "Ailos Reise" ein lehrreicher Spaß für Groß und Klein.

Fazit: "Ailos Reise" ist ein visuell spektakulärer, inhaltlich lehrreicher Spaß für die ganze Familie. Die Balance zwischen kindergerecht aufbereiteten Fakten über den Kreislauf der Natur und verniedlichender Vermenschlichung der tierischen Charaktere stimmt jedoch nicht ganz.




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