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Das Mädchen aus dem Norden
Das Mädchen aus dem Norden
© temperclayfilm production & distribution GbR

Kritik: Das Mädchen aus dem Norden (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die schwedische Regisseurin Amanda Kernell widmet sich in ihrem Spielfilmdebüt der unrühmlichen Geschichte der Diskriminierung der Samen in ihrer Heimat. Auch ihr Vater stammt aus einer Familie von samischen Rentierhütern. Kernell kennt viele Samen, die nicht mehr wissen oder wissen wollen, woher sie stammen. So entscheidet sich auch die Heldin dieser Geschichte, mit ihrer Herkunft zu brechen, um Zugang zur schwedischen Gesellschaft zu erhalten. Ihr bewegendes Drama erklärt beispielhaft und verständlich, warum so viele Samen ihre Muttersprache verlernten und sich von der eigenen Kultur mit der von den Schweden gelernten Verachtung abwandten.

Amanda Kernell will aber genau diese Kultur und die Geschichte ihrer Unterdrückung vor dem Vergessen bewahren. Sie hat die Rollen der Mädchen Elle Marja und Njenna mit zwei samischen Laiendarstellerinnen besetzt. Dieses Schwesternpaar spricht die vom Aussterben bedrohte südsamische Sprache. Lappen seien dreckig und diebisch, ihr Gehirn unterentwickelt, bekommen Elle Marja, Njenna und die anderen Schulkinder ständig zu hören. Aus der Perspektive der aufgeweckten Elle Marja breitet das ruhige Drama das ganze Spektrum alltäglicher Diskriminierung aus, das von subtiler Geringschätzung bis zu offener Gewalt reicht. In den 1930er Jahren betreiben die Schweden Rassenforschung und vermessen samischen Schulkindern die Köpfe. So erfährt Elle Marja ganz drastisch, wie weit entfernt die Schweden vom Gedanken der kulturellen Akzeptanz und menschlichen Gleichberechtigung sind. Sie begreift, dass es für sie keinen Mittelweg gibt: Entweder sie bleibt weiterhin als Samin erkennbar in ihrer Tracht, oder sie rennt weit weg und gibt sich als Schwedin aus, um in der Stadt und überhaupt in der Gesellschaft akzeptiert zu sein.

Die junge Hauptdarstellerin Lene Cecilia Sparrok verleiht ihrer Rolle eine ungeheure Kraft und emotionale Erdung. Sie spielt die innere Zerrissenheit Elle Marjas sehr glaubwürdig und füllt den langen Prozess der Verwandlung, der ihren Bruch mit der eigenen Familie bewirkt, jenseits großer Worte mit Leben. Sein oft schmerzlicher Ernst verleiht dem Drama eine Schwere, die immer wieder zumindest ein wenig von positiven Erlebnissen Elle Marjas und ihrem Pragmatismus aufgelockert wird. Wenn der Film für die markante Gesangstradition des Joik ein offenes Ohr hat, dann teilt er Elle Marjas traurige Verwunderung, dass etwas so Schönes von der herrschenden Gesellschaft geächtet wird.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Amanda Kernell erinnert an die lange Geschichte der Diskriminierung der Samen in der schwedischen Gesellschaft. In den 1930er Jahren, als die Samen im Land als minderwertige Rasse gelten, muss sich ein junges Mädchen zwischen ihrer Familie und dem Wunsch, eine schwedische Identität anzunehmen, entscheiden. Die Hauptdarstellerin Lene Cecilia Sparrok, eine Samin ohne schauspielerische Ausbildung, ist mit ihrer lebendigen Ausdruckskraft die wahre Entdeckung dieses ernsten, bewegenden Dramas.




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