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FBW-Bewertung: Ballon (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Der historische Paranoia- und Fluchtthriller BALLON von Michael Bully Herbig, zuvor vor allem bekannt für seine Genreparodien und Komödien, ist die filmisch intensive Aufarbeitung eines spektakulären Ereignisses aus der deutschen Geschichte Ende der 1970er Jahre. Der Film beginnt mit einer schonungslosen Kontrastmontage, in der die parteikonforme Idylle einer FDJ-Rede bei der Jugendweihe parallelmontiert wird mit der Realität von Erschießungen an der innerdeutschen Grenze. Deutlicher können Ideal und Wirklichkeit kaum differieren.
Mit akribischer Rekonstruktion der Topographie und Atmosphäre um 1979 führt der Film nicht nur in das bürgerliche Milieu der Thüringer Protagonisten ein, sondern liefert auch zahlreiche Motive für die lebensgefährliche Flucht: Im Sommer 1979 fassen die Familien Strelzyk und Wetzel einen waghalsigen Plan: Sie möchten mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR in den Westen fliehen. Allerdings entscheidet sich Günter Wetzel im letzten Moment gegen die Flucht. Er fürchtet, dass der Ballon zu klein ist, um beide Familien zu tragen. Zu viert startet Familie Strelzyk in das dramatische Abenteuer, doch aufgrund von Kondenswasser sinkt derBallon kurz vor der Grenze. Die Familie kehrt vorerst zurück, doch es gelingt Strezyk schließlich, alle zu überreden, noch einmal zu starten, auch wenn ihnen die Stasi und Grenzschutz bereits dicht auf den Fersen sind.
Ballon fällt zunächst durch die hervorragende Besetzung auf, die große Ähnlichkeit zu den historischen Vorbildern aufweist, wie die Fotos im Abspann zeigen. Die bekannte und etwas vorhersehbare Handlung wird durch kleine Nuancen der Charakterzeichnungen in diesem differenzierten Spiel immer wieder aufgewertet.
Als Thriller ist der Film souverän auf den Effekt hin inszeniert und scheut nie vor Melodramatik zurück, vor allem durch ein Wall-to-Wall-Sounddesign, das mit elektronischen und klassisch orchestralen Mitteln die emotionale Disposition erfolgreich diktiert ? man könnte das als ?überdeterminiert? kritisieren, es ist jedoch im Genrerahmen souverän und effektiv. Diese konventionelle Tendenz wird in der differenzierten Charakterzeichnung und in der mehrfach codierten Anlage aufgehoben, durch die der Film für unterschiedliche Altersgruppen gleichermaßen interessant erscheint. BALLON ist daher gut geeignet, einem jungen Publikum die dunklen Seiten der DDR-Diktatur zu vermitteln. Thomas Kretschmann als Stasi-Mann verkörpert diese totalitäre Logik mit einer subtilen Grausamkeit, die mit seinem Auftreten immer wieder in undurchschaubaren Befragungen und Verhören deutlich wird. Er verkörpert die innere Logik desmenschenverachtenden Systems. Die deutlich negative Darstellung der Diktatur und ihrer Repräsentanten ist generisch gerechtfertigt, wurde aber intensiv in der Jury diskutiert.
BALLON wurde letztlich als ein dramaturgisch dichter und in den Details subtil inszenierter Thriller gewürdigt, der vor allem in seiner langen Schlusssequenz von hoher dramatischer Spannung ist: Mit dynamischer Kamera und einer packenden Parallelmontage zieht er die Spannungsschraube mitreißend an, was ihn auch von dem ungleich konventionelleren amerikanischen Film MIT DEM WIND NACH WESTEN von 1982unterscheidet.
BALLON funktioniert als packender Genrefilm und als Geschichtsaufarbeitung gleichermaßen und zeigt auf eindrucksvolle Weise das Talent aller Beteiligten.




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