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Königin von Niendorf
Königin von Niendorf
© Daredo Media GmbH

Kritik: Königin von Niendorf (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jeder, der auf dem Land groß geworden ist, kennt diese Sommer, in denen man selbst auf Entdeckungsreise gehen muss, weil andernfalls nichts vorangeht. Regisseurin Joya Thome fängt dieses Gefühl in ihrem Spielfilmdebüt wunderbar ein. Obwohl sie das Dörfchen Niendorf im engen, nur noch selten gebrauchten 4:3-Format zeigt, sind Brandenburgs Weite und Stille in jeder Einstellung greifbar. Die zehnjährige Lea (Lisa Moell) radelt durch menschenleere Straßen. Das erste Fahrzeug, das an ihr vorbeirauscht, ist ein Traktor, das zweite und letzte ein Zug. Mit ihrer Bande erobert sie sich die Wiesen, Felder und Seen von den Erwachsenen zurück, die in dieser Welt nur am Rande auftauchen.

Lea ist eine ganz normale Zehnjährige und allein schon deshalb außergewöhnlich, weil das im (deutschen) Kinderfilm so selten geworden ist. Thome baut ihr Abenteuer um eine Figur, die nicht das gängige Klischee des braven Mädchens bedient. Mit der aufkeimenden Pubertät ihrer Mitschülerinnen kann Lea nichts anfangen. "Irgendwie sind alle komisch geworden dieses Jahr", sagt sie zum Aussteiger Mark (Mex Schlüpfer), dem sie jeden Tag ein Eis am Stiel vorbeibringt. In den Augen ihrer Freundinnen ist Lea die Komische. Und so fühlt sie sich bei einem Erwachsenen, den die anderen Erwachsenen meiden, und bei den fünf Jungs ihrer Bande besser aufgehoben, weil sie Lea nehmen, wie sie ist.

Joya Thomes und Philipp Wunderlichs Drehbuch legt Lea als Suchende an. In losen Episoden, die nicht alle zu Ende geführt werden, ist dieses Mädchen ganz leise, oft nachdenklich, nie polternd und dabei doch viel mutiger als die lauten Lausbuben um sie herum. Lisa Moell spielt diese Figur mit vornehmer Zurückhaltung und einnehmendem Blick und zeigt, dass ein Mädchen nicht immer aufgesetzt fröhlich sein muss, um glücklich zu sein. Was Lea an ihren Freundinnen als "komisch" empfindet, ihr plötzliches Interesse am anderen Geschlecht, für das sie sich aufhübschen, gilt in der Gesellschaft als normal. Ohne erhobenen Zeigefinger erzählt "Königin von Niendorf" ganz nebenbei, dass es auch anders geht, nicht jeder gleich "komisch" ist, der der Norm nicht entspricht.

Joya Thome hat die Lust am Filmemachen an den Sets ihres Vaters Rudolf ("Detektive", "Ins Blaue") entwickelt, für den sie mehrfach vor der Kamera stand. Mit "Königin von Niendorf" beweist sie nun, dass es keiner großen Mittel bedarf, um eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Ohne Förderung mit lediglich 20 000 Euro rund um den Bauernhof ihres Vaters gedreht, besticht ihr Erstling durch Einfallsreichtum, Witz und Natürlichkeit. Lisa Moell ist ein Versprechen für die Zukunft. Und auch die anderen Nachwuchsdarsteller setzen sich positiv von der breiten Masse ab, weil sie stets unverkrampft wirken und ihren Text nicht bloß aufsagen. Zwar sitzt nicht jeder Satz und Schnitt, auch hätte manche Szene etwas mehr Feinschliff vertragen. Doch das sind lässliche Sünden in einem leichtfüßigen Debüt.

Fazit: "Königin von Niendorf" ist ein kleiner, aber feiner Kinderfilm. Ohne große Mittel, aber mit Liebe zu den Figuren, viel Einfallsreichtum, überzeugenden Nachwuchsdarstellern und großem Herz gedreht, holt Joya Thomes Debüt gleichermaßen kleine wie große Zuschauer ab. In einem abenteuerlichen Sommer ist für die junge Protagonistin alles anders, irgendwie komisch und doch ganz normal. Aber was ist schon normal und wer entscheidet, wer die Norm erfüllt und wer von ihr abweicht?




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