VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Jibril (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf entstandene Spielfilmdebüt der Regisseurin Henrika Kull erzählt die Geschichte einer prekären romantischen Liebe. Zwei junge Menschen mit Migrationshintergrund, die eine dreifache Mutter, der andere Gefängnisinsasse, folgen der Stimme des Herzens. So brechen sie innerlich ein Stück weit aus dem engen Korsett ihres Alltags aus. Dass sie sich so wenig sehen und austauschen können, beflügelt ihre Sehnsüchte und Träume nur. Das macht ihre Beziehung aber auch prekär, denn ihre Gefühle sind ja mehr von den eigenen Wünschen geformt, als vom weitgehend fremden Partner. Ist Maryam im Begriff, nach einer gescheiterten Ehe erneut in ihr Unglück zu laufen?

Die Geschichte wird knapp, mit beinahe minimalistischer Kargheit geschildert. Sie entfaltet sich nach einer Hochzeitsfeier, die als Prolog dient, im Verlauf eines Jahres, das in jahreszeitliche Kapitel unterteilt ist. Im Grunde springt die Handlung von einer Momentaufnahme zur nächsten, so dass die Erzählperspektive zwischen intimer Nähe und Distanz schwankt. Eine Aura der Einsamkeit und Isolation wird nicht nur beim Häftling Jibril spürbar, sondern auch bei Maryam.

Manche Szenen deuten einen Konflikt Maryams mit ihrer ältesten Tochter an, die in der Pubertät ist. Es gibt zwar einige Bekannte, hauptsächlich arabischer Herkunft, in Maryams Leben, aber enge Freundinnen und Bezugspersonen offenbar nicht. Eigentlich geht es der Regisseurin weder darum, Maryam als Mutter oder als arabischstämmige Frau in Berlin zu porträtieren, sondern lediglich als Verliebte, die sich ein Stück weit wieder wie eine nach Freiheit strebende Jugendliche fühlt.

Die filmische Absicht, sich mit der Liebe als Projektion von Sehnsüchten und Idealbildern auseinanderzusetzen, erscheint reizvoll. Aber sie schafft auch Unklarheit: Wie hängt das Thema damit zusammen, dass Maryam und Jibril dem arabischen Kulturkreis angehören? Hätte die Geschichte nicht auf die gleiche Weise mit deutschen Protagonisten funktioniert? So erwartet man stets auch, dass die beiden Hauptcharaktere über ihre kulturelle Prägung mit dem eher hierarchischen Verständnis der Geschlechterrollen stolpern werden. Maryams Märchenprinz verfügt über virilen Charme, aber sie weiß nicht, wie stabil seine Haltung ihr gegenüber ist. Dieses Drama ähnelt einer Skizze, die die Betrachter auf nicht immer ergiebige Gedankenwege lenkt.

Fazit: Der Debüt-Spielfilm der Regisseurin Henrika Kull setzt sich mit den Fallstricken einer romantischen Liebe auseinander, die überwiegend aus Sehnsucht geformt ist. In Berlin verlieben sich zwei junge Erwachsene mit Migrationshintergrund, ohne sich wirklich kennenzulernen. Aber der Titelcharakter und die alleinerziehende Mutter, die ihn im Gefängnis besucht, schätzen das Gefühl, dass die Schmetterlinge im Bauch sie der Realität entheben. Der skizzenhafte, knappe Erzählstil und die bruchstückhafte Charakterisierung der Personen schüren Neugier und Spannung, lassen aber auch viele Fragen offen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.