VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Kindheit (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Dokumentarfilme, die Kinder in der Schule oder im Kindergarten beobachten, erinnern Erwachsene oft sehr eindrücklich an den besonderen Zauber der Kindheit. Mit ihrem Film über einen Kindergarten in Norwegen zeichnet die Regisseurin Margreth Olin nicht nur das Bild einer heilen Welt, sondern bezieht auch Position in der Bildungsdebatte. In einer Zeit, in der die Einschulung mit sechs Jahren als Norm gilt und sich schon Vorschulkinder mit Fremdsprachen und anderen Lerninhalten beschäftigen, ist der "Aurora-Kindergarten" eine Ausnahmeerscheinung. Hier wird der Freiraum der Kindheit noch beschützt.

Olin hat sich für ihren Film einen Waldorf-Kindergarten ausgesucht, in dem, nach der Lehre Rudolf Steiners, Naturnähe, Tradition und Geborgenheit die täglichen Aktivitäten bestimmen. Das Spiel wird als die "Arbeit des Kindes" betrachtet, wie ein Text zu Anfang des Films erklärt. Die Krönung der Kindheit ist dieser Lehre zufolge im Alter von sechs bis sieben Jahren erreicht. Also dürfen die Sechsjährigen, ein Jahr vor der Einschulung, hier noch frei spielen, im Wald umherstreifen, Spielsachen aus Holz basteln.

Die idyllische Lage dieses Kindergartens am Rande eines Waldes, den die Kinder auch im eisigen Winter unsicher machen, trägt viel zur Wohlfühlatmosphäre des Films bei. Erzieher Kristoffer macht seine Schützlinge auf Tierspuren im Schnee aufmerksam, dem Osterhasen werden Nester mit gelben Rüben ausgelegt. Unweigerlich fliegen dieser kindgerechten Gemeinschaft die Sympathien zu. Kristoffer ist ein respektvoller und ernster Zuhörer, wenn Kinder ihren Einfällen freien Lauf lassen und sie zu kleinen Märchen ausbauen.

Was allerdings fehlt, ist die Beobachtung einzelner Entwicklungen. Der Film vertieft sich nicht in ausgesuchte Charaktere, sondern springt kreuz und quer von einem Protagonisten zum anderen. Dadurch kommt einem niemand wirklich näher. Es wird, da es sich um reine Beobachtungen handelt, auch nichts hinterfragt, etwa die merkwürdige erzieherische Vorgabe, dass sich die Sechsjährigen Steckenpferde und Stelzen bauen sollen, als lebten sie noch zu Rudolf Steiners Zeiten. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, dass auch dieser angeblich so freie Kindheitsraum dogmatisch gefärbt ist. So mutiert dieser gutgemeinte Film unreflektiert zur Werbung für die Waldorfpädagogik.

Fazit: Ein Kindergarten, in dem auch die Sechsjährigen noch nach Lust und Laune spielen dürfen, ist der Schauplatz dieses Dokumentarfilms der Norwegerin Margreth Olin. Ihre Beobachtungen im Laufe eines Jahres in dieser behüteten Gemeinschaft plädieren eindrücklich für den Schutz kindlicher Freiräume und gegen eine frühe Einschulung und vorschulisches Lernen. Allerdings fehlt dem Film selbst eine Strukturierung, die Entwicklungen im Beobachtungszeitraum sichtbar machen könnte. Auch werden die Dogmen der in dieser Einrichtung praktizierten Waldorfpädagogik überhaupt nicht hinterfragt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.