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Der Prinz und der Dybbuk
Der Prinz und der Dybbuk
© Salzgeber & Co

Kritik: Der Prinz und der Dybbuk (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski ("Domino Effekt") standen vor einem Problem. Wie sollten sie einer Person habhaft werden, die ihre Persönlichkeit im Verlauf ihres kurzen Lebens gleich mehrfach wie ein Chamäleon wechselte, falsche Fährten legte und ihre eigene Biografie verwischte? Die Lösung des Regieduos ist ein essayistischer Ansatz, der seine Fakten nur spärlich vermittelt und stattdessen durch einen audiovisuellen Sog eine Art filmisches Psychogramm des Protagonisten anfertigt.

Niewieras und Rosołowskis Spurensuche beginnt am Ende, auf dem italienischen Friedhof, auf dem der Regisseur und Produzent als "Michele Wazsynski" seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Unter die gegenwärtigen Bilder der Gräber, Kreuze und Engel stehlen sich alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von unheimlichen Geräuschen begleitet. Äste, Vögel, ein aufgeschlagenes Buch, durch dessen Seiten der Wind bläst, sind zu sehen und schließlich ein Junge, der sich wie ein Schemen auf die Kamera zubewegt. Mosze Waks, Michał Waszyński, Mike, der polnische Prinz, wie auch immer ihn sein Umfeld gerade nannte, bleibt in Niwieras und Rosołowskis Film bis zum Schluss solch ein Schemen.

Mal ist seine Originalstimme aus einer polnischen Radiosendung zu hören, mal werden seine Tagebucheinträge von einem Erzähler auf Jiddisch aus dem Off vorgetragen. Mal sind Fotos zu sehen, die ihn neben Orson Welles beim Dreh von dessen "Othello" (1951) oder an der Seite von Sophia Loren am Set von Anthony Manns "Der Untergang des Römischen Reiches" (1964) zeigen, mal öffentliche, dann wieder private Filmaufnahmen. Stimme und Körper bleiben stets getrennt. Der Eindruck, Michał Waszyński nicht habhaft werden zu können, verstärkt sich.

Wer sich von einem dokumentarischen Porträt einen allumfassenden Überblick von der Wiege bis zur Bahre verspricht, ist in "Der Prinz und der Dybbuk" falsch. Niewiera und Rosołowski arbeiten assoziativ, breiten nicht alle Fakten aus, lassen in und vor allem zwischen ihren Interviews bewusst Leerstellen. Wiederholt schließen sie Waszyńskis Filme mit dessen Leben kurz, stellen Parallelen her, wodurch sich fantastisch fantasievolle Momente ergeben.

Dann geht eine Tanzszene aus "Der Untergang des Römischen Reiches", den Waszyński produzierte, in eine Archivaufnahme tanzender Kinder in einem Schtetl über. Dann ist Vittorio des Sica in "Der Unbekannte von San Marino" (1947) wie Waszyński nach Kriegsende ein Namenloser auf der Suche nach der eigenen Identität. Und dann kehrt der Dokumentarfilm immer wieder wie sein Protagonist zeitlebens zum Drama "Der Dybbuk" (1937) zurück. Jener titelgebende Totengeist aus dem jüdischen Volksglauben, der in andere Körper einfahren kann, scheint geradezu sinnbildlich für Waszyńskis Persönlichkeit und seine abgelegte Identität aus seinem Schtetl. Wie das Römische Imperium und die tanzenden Kinder ist sie vergangen, nicht mehr zu greifen, nur noch ein Schemen.

Fazit: "Der Prinz und der Dybbuk", der bei den 74. Filmfestspielen von Venedig den Löwen als bester Dokumentarfilm erhielt, ist eine fantasievolle Mischung aus klassischen und essayistischen dokumentarischen Elementen. Weil sie den Porträtierten nicht zu fassen bekommen, lassen die Regisseure Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski bewusst Leerstellen. Durch teils traumhafte Assoziationsketten einsteht ein ungemein intensiver audiovisueller Sog.




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