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Kritik: Hard Paint (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Hard Paint" feierte im Februar 2018 im Panorama der 68. Berlinale seine Deutschlandpremiere. Seither ist viel passiert. Filipe Matzembacher und Marcio Reolon hatten das Drehbuch ihres zweiten abendfüllenden Spielfilms als Reaktion auf das Erstarken konservativer, vorurteilsbeladener und demokratiefeindlicher Kräfte geschrieben. Mittlerweile hat Brasilien mit Jair Bolsonaro einen neuen Präsidenten gewählt, der all das verkörpert, gegen das Matzembachers und Reolons Protagonist ankämpft. Durch die aktuelle politische Lage wird "Hard Paint" zwangsläufig zu einem lebensbejahenden Statement gegen Bolsonaros menschenverachtende Chauvinismen.

In erster Linie ist das dreiaktige Drama aber eine feine, ruhig beobachtete Charakterstudie eines schüchternen jungen Mannes. Shico Menegat spielt Pedro, eine jener faszinierend-verstörenden Figuren, wie sie nur das Kino hervorbringt. Dieser Pedro ist nie allein und doch einsam, unglaublich zerbrechlich und doch abgehärtet, betrübt und damit doch (zumindest scheinbar) zufrieden. Wie so viele Figuren der Adoleszenz ist auch Pedro ein Verlorener, ein Suchender. Bei Matzembacher und Reolon stürzt er sich aber nicht in die wuseligen Weiten der Großstadt, sondern in den Schutzraum der virtuellen Welt. Nur vor seiner Webcam in seinem Zimmer hat er alles unter Kontrolle. Jedes Mal, wenn er sich nach draußen begibt, droht er, diese zu verlieren.

Diesen Gegensatz setzt das Regieduo gegensätzlich in Szene. Pedros Performances, seine zarten Tänze vor dem Computer sind grobkörnig und verpixelt, das wahre Leben ist klar, auch wenn es für den Protagonisten nicht immer durchschaubar erscheint. Überhaupt strömt "Hard Paint" einen Hauch Undurchdringlichkeit aus, weil die Figuren den Blick in ihr Innenleben nie vollends freigeben. Ihre Verschlossenheit hat auch etwas mit der Welt zu tun, in der wir leben, in der der Schein mehr zählt als das Sein und in der einer wie Pedro vorsichtig sein muss, wem er sich öffnet.

Die Undurchdringlichkeit hat aber auch etwas mit den beiden Hauptdarstellern zu tun. Sowohl Shico Menegat als auch Bruno Fernandes, der Pedros Konkurrenten und späteren Geliebten Leo spielt, geben mit "Hard Paint" ein beeindruckendes Debüt. Sieben Monate haben die beiden Regisseure mit Menegat für seinen Part geprobt, vier Monate mit Fernandes. Die Zärtlichkeit und Zutraulichkeit, mit der Menegat und Fernandes vor Glauco Firpos intimer Kamera miteinander umgehen, ist der wahre Höhepunkt dieses Dramas. Es entfaltet sich ganz langsam, setzt seine dramatischen Spitzen so dosiert wie die wenigen musikalischen Ausrufezeichen. Am Ende hat sich Pedro frei getanzt.

Fazit: Filipe Matzembachers und Marcio Reolons zweiter abendfüllender Spielfilm ist eine zärtliche Charakterstudie eines verschlossenen, aber vielschichtigen jungen Mannes auf der Suche nach sich selbst. "Hard Paint" ist ein farbenfroher, neonschimmernder Befreiungstanz.




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