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Directions - Geschichten einer Nacht
Directions - Geschichten einer Nacht
© Argo Film

Kritik: Directions - Geschichten einer Nacht (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Stephan Komandarevs Spielfilme erzählen vom Unterwegssein, von Grenzen, moralischen wie geografischen, die es zu wahren oder zu überwinden gilt, vor allem aber erzählen sie von den Träumen und Nöten seiner Landsleute. "Directions" begibt sich nun Mitten hinein ins Herz Bulgariens, in die Hauptstadt Sofia. Wie es der deutsche Untertitel bereits verrät, begleitet der 1966 geborene Regisseur seine Figuren nach einem furiosen, viertelstündigen Auftakt bei helllichtem Tage durch die anschließende Nacht. Deren Geschichten und Vermittlung sind nicht minder rasend und leidenschaftlich.

Komandarevs Streiffahrt ist eine dunkle Bestandsaufnahme eines Landes, das ein Herzchirurg als "Leiche", die man nicht wiederbeleben könne, und ein arbeitsloser Bäcker als "von Gott verlassen" bezeichnet. Der Allmächtige habe Bulgarien gemeinsam mit dem Drittel der Bevölkerung den Rücken gekehrt, das seine Heimat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bereits gen Westen verlassen habe. Der Herzchirurg wird es den Glücksrittern gleichtun. Komandarev begleitet diejenigen, die keine Chance dazu haben und langsam an ihren Alltagssorgen verzweifeln. Es geht um Leben und Tod.

Der Ort ihrer Zusammenkunft ist das Taxi, eines der wenigen Soziotope, an dem alle gleich sind. Hier treffen Sportlehrer auf Selbstmörder und Priester auf Atheisten. Ein wenig erinnert das an Jim Jarmuschs "Night on Earth" (1991) oder Jafar Panahis "Taxi Teheran" (2015), ist aber weit weniger lebensbejahend als beide. Die Wege der vier Fahrer und der einen Fahrerin kreuzen sich in dieser schicksalsträchtigen Nacht. Was allesamt verbindet, ist eine Talkshow im Radio, die Komandarev und seinem Koautor Simeon Ventsislavov als loser erzählerischer roter Faden, vor allem aber als akustische gesellschaftliche Fieberkurve dient.

Komandarev und Ventsislavov haben all diese kleinen Miniaturen, von denen nicht alle gleich gut funktionieren, klug geschrieben und miteinander verwoben. Das Ensemble meistert die kurzen, nur wenig bis zum Teil gar nicht geschnittenen Szenen mit Bravour, während der Blick nach draußen im Vorbeifahren ganz andere Geschichten, die von aus dem Boden schießenden Spielcasinos, von Müll durchwühlenden Alten und sich prostituierenden Jungen erzählt.

Abseits dieser berührenden Einzelschicksale, die viel über den Zustand der Gesamtgesellschaft sagen, beeindruckt Komandarevs souveräne Inszenierung. Die Gespräche in den Taxis sind perfekt auf die Umgebung abgestimmt. Vesselin Hristovs Kamera ist stets am Puls des Geschehens, gleitet mühelos und fast unbemerkt in und aus den Autos und fängt einen Selbstmordversuch geradezu schwindelerregend ein. Überhaupt diese Szene! Ein Lebensmüder auf einer Brücke, im Hintergrund die Lichter eines Filmpalasts. Hier bittere Alltagstristesse, dort süße Weltflucht. All das kann Kino in einer einzigen Einstellung sein.

Fazit: In seinem Episodenfilm "Directions" folgt Stephan Komandarev fünf Taxifahrern durch die Nacht. Die klug geschriebenen, eindrucksvoll gespielten und intensiv inszenierten kleinen Dramen sind Ausschnitte eines bulgarischen Alltags, die sich zu einem düsteren Gesamtbild zusammenfügen. Ein packendes Stück Kino.




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