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FBW-Bewertung: In den Gängen (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Ein deutscher Film, der gleich im ersten Bild eine Kubrick-Assoziation zu 2001? ODYSSEE IM WELTRAUM provoziert, hat nicht nur Seltenheitswert, sondern beweist Schneid und Persönlichkeit. Und wenn IN DEN GÄNGEN uns auch nicht ins Weltall entführt, so zeichnet Regisseur Thomas Stuber mittels dieser Attribute dennoch einen Mikrokosmos, der sich wohltuend abhebt vom oft Gesehenen.
Es stellt eine sehr feine Ironie im Grundkonzept des Films dar, ausgerechnet einen Supermarkt als Setting zu wählen und damit einen Tempel des Konsums, in dem das den Kapitalismus erhaltende Ritual des Kaufens täglich hundertfach vollzogen wird. Die Menschen jedoch, die hier arbeiten, sind vom System, dem sie dienen, längst abgestoßen worden. IN DEN GÄNGEN erzählt auf spannende und überzeugende Weisevon den Nachwirkungen der deutsch-deutschen Vereinigung auf Menschen in Ostdeutschland. In den Figuren spiegelt sich mit Nachdruck der Verlust von Selbstbewusstsein und Perspektiven und der erzwungene Abschied von Identität und gewohntem Leben in der einstigen DDR, das plötzlich von einem auf denanderen Tag für falsch erklärt wurde. In der von Peter Kurth wunderbar verkörperten Figur des Bruno bündelt sich dieser Strang des Films mit Bravour. Wie ein Gefängnis ist der Supermarkt inszeniert, in dem alle zusammen und doch jeder für sich festsitzt. Lange bleibt die Kamera auf den Gesichtern der Figuren stehen, bis ihre Traurigkeit den Zuschauer durchdringt.
IN DEN GÄNGEN zeigt offen die Tristesse und ist doch kein trister Film. Seine Figuren berühren, obwohl bewusst Leerstellen bleiben in ihrer Biografie. Auch Christian, von Franz Rogowski eindrücklich gespielt, ist als Figur nicht auserzählt, es ergeben sich Ungereimtheiten, und Einzelheiten seiner Vergangenheit verbleiben im Nebulösen. Doch gerade diese Leerstellen und offenen Fragen lassen den Film so authentisch werden ? welcher uns umgebende Mensch ist schon in allen Belangen immer klar und transparent und in seinem Handeln stets schlüssig und logisch? Und so geht es den Figuren wie uns: Sieversuchen, diese Leerstellen zu füllen. Christian etwa verfolgt heimlich seinen Schwarm Marion nach Hause und sieht sich bei ihr um. Was er dort sieht, irritiert ihn, und er versucht es in das Bild einzupassen, das er sich von Marion gemacht hat. Wohnt jemand wie Marion so spießig?
Jede der Figuren versucht ihren Platz in dieser irgendwie fremden Welt zu finden, so widersprüchlich der zum Teil auch wirken mag. Aus diesen Konstellationen bezieht Thomas Stubers Film starke Momente, deren Relevanz in Bezug auf unsere heutige Gesellschaft nicht hoch genug anzusiedeln ist. Formal filmisch hat die Jury neben der Auflösung des Supermarktes auch die Einbindung von Musik undSound auf unterschiedlichen Ebenen überzeugt, weil sie als gestalterisches Mittel den geschilderten Mikrokosmos auf besondere Weise bereichert hat. Trotz empfundener Längen freut sich die Jury, den Film mit dem höchsten Prädikat auszuzeichnen.



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