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Los Versos del Olvido - Im Labyrinth der Erinnerung
Los Versos del Olvido - Im Labyrinth der Erinnerung
© Sabcat Media

Kritik: Los Versos del Olvido - Im Labyrinth der Erinnerung (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Grenzen sind nur imaginäre Linien, die von Herrschaftsregimen gezogen werden. Geschichten sind da, um diese Linien zu überschreiten und die Fantasie zu erweitern", sagt Alireza Khatami über sein Langfilmdebüt. "Los Versos del Olvido" gelingt genau das auf fantastisch fantasievolle Weise. Khatami erzählt darin nicht nur eine Geschichte über das Erinnern und Vergessen in (post-)diktatorischen Gesellschaften, er hat seine politische Parabel auch in ein anderes Land versetzt. Statt in Khatamis Heimat Iran spielt sie in Chile. Die Grenzüberschreitung ist mehr als geglückt. Spätestens, wenn ein gestrandeter Wal durch die Luft fliegt und Regen in geschlossenen Räumen fällt, sind auch die Grenzen des Imaginären durchbrochen. Khatamis kraftvolle Bilder funktionieren überall auf der Welt.

Khatamis Drehbuch, das er eigenen Angaben zufolge 43-mal umgeschrieben hat, ist reich an brillanten Einfällen. Schon die Grundidee, einen Film über Erinnerungskultur auf einem Friedhof spielen zu lassen, besticht. Und auch die Figurenkonstellation um den namenlosen Wärter (Juan Magallo), der sich alles außer Namen merken kann, und sich auf eine Behörden-Odyssee begibt, um einem anonymen Regime-Opfer ein würdevolles Begräbnis zu ermöglichen, ist symbolisch aufgeladen.

Kathamis großes Kunststück besteht darin, dass sich diese Verschränkung diverser Lesarten nie überfrachtet anfühlt. Sein Erzähltempo und Inszenierungsstil sind so ruhig und unaufgeregt wie das Verhalten seines Protagonisten, der den Mühlen der Bürokratie pfiffig und gelassen entgegenarbeitet. Der Friedhofswärter ist ein stiller Held, Khatamis Film ein leiser ästhetischer Triumph. In den fein komponierten Einstellungen des Kameramanns Antoine Héberlé verwebt Kathami literarische und filmische Traditionen von der griechischen Mythologie bis in die Gegenwart mit traumwandlerischer Sicherheit.

"Die Verse des Vergessens", so die wörtliche Übersetzung des Originaltitels, erinnern durch Auslassungen und Wiederholungen selbst an ein Gedicht. Es ist eine magisch realistische Ballade gegen das Vergessen. Bei den 74. Internationalen Filmfestspielen in Venedig, in dessen Sektion "Orizzonti" Khatamis Drama lief, gab es für "Los Versos del Olvido" 2017 gleich vier Preise. Der Film hat jeden davon verdient.

Fazit: Alireza Khatamis erster Langfilm ist ein filmisches Gedicht. Das ruhig erzählte Drama um einen alten Friedhofswärter ist eine poetische politische Parabel, in der Erinnern und Vergessen, Fantasie und Wirklichkeit mit traumwandlerischer Sicherheit ineinanderfließen.




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