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Kritik: Reise nach Jerusalem (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die 39-jährige Alice (Eva Löbau) braucht dringend eine Veränderung, verharrt aber im alten Trott. Jedes Mal, wenn sie etwas Neues wagen könnte, macht sie einen Rückzieher. Selbst beim Friseur lässt sie sich nach kurzem Zögern doch nur die Spitzen schneiden. Alles wie immer. Ihr Leben ist eins in der Warteschleife, ihre Jobsuche eine Reise nach Jerusalem. Wie im titelgebenden Kinderspiel kommt Alice stets einen Schritt zu spät. Überall wo sich eine berufliche Gelegenheit auftut, nimmt ein anderer vor ihr Platz.

Mit präzisem Blick und Augenzwinkern zeigt Regisseurin Lucia Chiarla eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder immer weniger nach deren Charakter und Verhalten und immer mehr nach deren Beruf bewertet. Wer Arbeit hat, zählt in dieser Welt zu den Gewinnern, wer arbeitslos ist, ist selbst schuld. Es ist eine Welt, in der Unternehmen für Telekommunikation mit ihren Kunden nur noch über Computeransagen kommunizieren, in der Bewerbungsgespräche via Skype an der Internetverbindung scheitern und in der man selbst beim Friseur eine Nummer ziehen muss. Technisch, kalt, unpersönlich.

Chiarla, die bislang als Schauspielerin und Drehbuchautorin ("Bye Bye Berlusconi!", u. a.) tätig war, gibt mit "Reise nach Jerusalem" ihr Langfilmdebüt als Regisseurin. Ohne Produktionsförderung oder Beteiligung eines Fernsehsenders umgesetzt kommt das Drama ohne große Schauwerte daher. Ab und an streut Kameramann Ralf Noack ein paar Weitwinkelaufnahmen in seine nüchterne Bildgestaltung, die den tristen Alltag der Hauptfigur treffend in Szene setzt. Denn für Alice gerät jeder Kinobesuch mit Freunden, jedes Bier in der Kneipe zu einem finanziellen Kraftakt.

Chiarla hat ihr Drehbuch ganz um ihre Hauptfigur gebaut; begeht nicht den Fehler, Alice eine Romanze mit dem Nachbarn Luca (Beniamino Brogi) anzudichten, wie das wohl Hollywood getan hätte. Auch in der Interaktion der beiden bleibt "Reise nach Jerusalem" erfrischend realistisch, originell und amüsant. Eva Löbau brilliert in einer Geschichte, die die Sorgen und Nöte einer Arbeitsuchenden mit visuellen Wiederholungen (die Uhrzeit auf dem Wecker, ein kaputter Schreibtischstuhl, das Kleingeld im Supermarkt) auf den Punkt bringt, am Ende aber ein wenig zu lang geraten ist. Löbau lässt die Unsicherheit ihrer Figur unter all der vorgegaukelten Entschlossenheit stets durchschimmern. Ganz am Schluss ist sie für einen Abend die Königin.

Fazit: Lucia Chiarlas "Reise nach Jerusalem ist ein präziser, augenzwinkernder Blick auf unsere Arbeitswelt. Eva Löbau brilliert in einem tragikomischen Drama, das weniger durch seine Optik als durch absurd-amüsante Zuspitzungen und Wendungen überzeugt.




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