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Fly Rocket Fly - Mit Macheten zu den Sternen
Fly Rocket Fly - Mit Macheten zu den Sternen
© Kinostar

Kritik: Fly Rocket Fly - Mit Macheten zu den Sternen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Oliver Schwehm holt eine unglaubliche Geschichte aus der Versenkung, in der sich technischer Pioniergeist aus dem Schwäbischen mit der Aufbruchstimmung der 1970er Jahre paart. Sie handelt vom ersten privaten Raumfahrtunternehmen, gegründet vom deutschen Ingenieur Lutz Kayser, um Transportraketen für zivile Zwecke zu entwickeln. Die Aktiengesellschaft OTRAG errichtet im Dschungel von Zaire, der späteren Demokratischen Republik Kongo, eine Raketenbasis, auf der Männer in kurzen Hosen an Flugkörpern in Billigbauweise herumtüfteln. Doch diesem Abenteuer ist im Geflecht internationaler Machtinteressen nur eine kurze Existenz vergönnt.

Schwehm hat Lutz Kayser kurz vor seinem Tod im Jahr 2017 noch auf der Pazifikinsel interviewt, auf der er zurückgezogen mit seiner Frau lebte. Und er kann eine erstaunliche Fülle von Archivmaterial präsentieren, das zum großen Teil von der OTRAG selbst hergestellt wurde. Man sieht Männer auf einem afrikanischen Bergplateau werkeln, sägen, messen, auch schon mal einem zuschauenden Schimpansen eine Zigarette zustecken. Ehemalige Mitarbeiter erzählen dazu vor der Kamera, oft mit einem Lächeln im Gesicht, wie gut die Stimmung im Camp war. Es wurde Marihuana geraucht, erinnert sich Kayser, dem das Image eines Lebemannes anhaftete. Aber jeder war, so sagen es die Beteiligten, von der Mission, etwas Neues zu erschaffen, erfüllt.

Der Dokumentarfilm ist durchdrungen von diesem Innovationsgeist. Schwehm fügt einen historischen Abriss deutscher und internationaler Raumfahrt hinzu, der bei der V2-Rakete der Nazis anfängt. Die OTRAG nimmt in dieser Domäne politischer Interessen eine Außenseiterstellung ein. Weltweit berichten Medien über die Raketenstarts im Dschungel, äußern den Verdacht, Deutschland teste dort Cruise Missiles. Aber den Supermächten geht auch schon die Vorstellung, Kayser könnte bald afrikanische Satelliten ins All transportieren, gegen den Strich. Guerillakämpfe breiten sich im Land aus, die OTRAG holt ein paar Fremdenlegionäre zu ihrem Schutz. Das Statement eines dieser Männer beschert dem Film einen Anflug von Haudegen-Action. Dass es am Schluss Tote gibt, liegt dann jedoch daran, dass die Ortsfremden die Gefahren der Wildnis unterschätzen. Schwehms Film versteht es, diese schillernde Geschichte sehr spannend aufzurollen und ihre Protagonisten angemessen zu würdigen.

Fazit: Der spannende und empfehlenswerte Dokumentarfilm von Oliver Schwehm erinnert an ein zu Unrecht vergessenes Kapitel der deutschen Raketenforschung aus den 1970er Jahren. Damals gründete der Ingenieur Lutz Kayser die erste privatwirtschaftliche Raumfahrtgesellschaft namens OTRAG, die im vom Diktator Mobutu regierten Zaire ihre Raketenbasis baute. Wenn ehemalige Mitarbeiter vor der Kamera erzählen, ist noch immer viel von der unbeschwerten Aufbruchstimmung jenes in zahlreichen Archivaufnahmen festgehaltenen Abenteuers zu spüren, das auf dem Spielfeld politischer Machtinteressen nicht lange geduldet war.




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