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Kritik: Utøya 22. Juli (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Sieben Jahre ist es jetzt her, dass der Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen tötete. Das Massaker, das er mit seinen Schusswaffen unter den über 500 Teilnehmern eines Sommercamps der sozialistischen Arbeiterpartei veranstaltete, dauerte 72 Minuten. Der Spielfilm des Regisseurs Erik Poppe vertieft sich in Echtzeit in das Geschehen, das aus der Perspektive der jungen Kaja und in einer einzigen Einstellung aufgerollt wird. Die Charaktere sind fiktiv, aber die Ereignisse basieren natürlich auf den Berichten der Überlebenden.

Die Todesangst, die Panik und die Verzweiflung, die auf der Insel um sich greifen, werden in ihren verschiedenen Phasen und Facetten auf der Kinoleinwand sichtbar. Die Jugendlichen kauern in völliger Stille im Haupthaus im Flur, später hinter Bäumen und Wurzeln im Wald oder in den Nischen der Steilküste. Niemand weiß, was los ist, wie viele Täter unterwegs sind. Petter glaubt noch an eine Übung, die Polizei ist erst nicht zu erreichen, kündigt dann aber ihr Kommen an. Kaja fühlt sich für die jüngere Schwester verantwortlich und verhält sich auch sonst altruistisch. Im Wald trifft sie auf eine Schwerverletzte, um die sie sich kümmert. Diese lange Szene des Sterbens gehört zu den aufwühlendsten des ohnehin grausam realistischen Films.

In dieser ewig langen Zeit, in der die Schüsse fast ohne Pause zu hören sind, verlieren viele Jugendliche fast den Verstand, greift die Zermürbung um sich. Anders als in Actionfilmen üblich, sieht man hier fast nie, wie Menschen getroffen werden – und der Täter selbst rückt nur einmal kurz in einiger Entfernung ins Bild. Die Verlorenheit Kajas und der anderen in diesem Kriegszustand ist fast mit Händen zu greifen. Das Versagen der Behörden teilt sich gleichzeitig erschreckend intensiv mit – die Jugendlichen verlässt allmählich die Hoffnung, dass die Polizei noch kommt.

Es ist das große Verdienst dieses erschütternden Films, dass er dem Massenmörder kein Gesicht, keine Konturen gibt, die zur Identifikation, zur Vermenschlichung oder zum Perspektivwechsel einladen könnten. Die Heldin des Films ist die hervorragend gespielte Kaja, die mit den Ereignissen über sich hinauswächst und die seelische Qual mit jeder Faser ihres Körpers spürt.

Fazit: Der erschütternde Spielfilm von Erik Poppe vertieft sich praktisch in Echtzeit in das Massaker, das am 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya stattfand. Die fiktionalisierte Version mit erfundenen Charakteren basiert auf den Schilderungen junger Teilnehmer des Sommercamps, die über eine Stunde lang um ihr Leben rannten und auf die Ankunft der Polizei warteten. Die Zuschauer werden hautnah und schonungslos in die Panik und Verzweiflung im Angesicht des Todes hineingezogen. Es beeindruckt, wie der Film den Opfern mit der heldenhaften Figur der 18-jährigen Kaja ein würdiges Denkmal setzt und dem Massenmörder fast durchgehend eine Gestalt verweigert.




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