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Kritik: Namrud (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Erste, was an "Namrud" auffällt, sind Haar- und Bartwuchs des Protagonisten, die mehr als einmal abrupt von Schnitt zu Schnitt wechseln. Sie zeigen nicht nur den langen Zeitraum an, den Regisseur Fernando Romero Forsthuber den Musiker Jowan Safadi begleitet hat, sie machen auch Forsthubers offene, indirekte Vermittlung des Gefilmten an uns Zuschauer deutlich. Bis auf eine kurze Erklärung zur Situation der 1948 in Israel gebliebenen Palästinenser greift Forsthuber nicht ein. Er stellt keine Fragen aus dem Off, setzt niemanden in eine Interviewsituation. Seine Montage wiederum folgt weniger einer Chronologie, als vielmehr inhaltlichen Überschneidungen und Motiven.

Dieses stille Begleiten lässt viele Lücken und offene Fragen. Wir sind gezwungen, genau hinzusehen und -hören. Vieles erschließt sich erst im Verlauf, manches, wie das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, die offensichtlich noch nicht lange miteinander zusammenleben, bleibt bis zum Ende ein zartes Annähern und Abtasten. Zu einem Gutteil liegt das daran, dass Jowan Safadi als Privatperson viel verschlossener und zurückhaltender als in seinen Songtexten ist. Wir können ihm förmlich beim Nachdenken zusehen. Seine Worte, etwa über Israels Besatzungspolitik, wägt er ganz genau ab. Der Kamera scheint er sich stets bewusst.

Den Menschen, aber auch den Künstler Jowan Safadi bekommt "Namrud" nie ganz zu fassen. Was Forsthuber an dessen Beispiel jedoch gelingt, ist den Alltag eines Staats greifbar zu machen, in dem alles politisiert ist und Nuancen einen Unterschied machen. Hier ist es nicht nur ein Statement, ob man als Musiker Arabisch oder Hebräisch singt, sondern auch, ob man sich als "israelischer Palästinenser" oder als "palästinensischer Israeli" bezeichnet. Sänger Jowan Safadi, so legt es zumindest eines seiner Lieder nahe, hätte am liebsten keine Nationalität.

So "kontrovers" und "verrückt", wie ihn ein Fernsehmoderator in seiner Sendung bezeichnet, ist Jowan Safadi überhaupt nicht – zumindest nicht an unseren Standards gemessen. Hier zeigt Forsthubers Film auch, wie wenig es in einer aufgeheizten Gesellschaft bedarf, um als provokant durchzugehen. Im Grunde ist Safadi nur ein Vater auf der Suche nach dem richtigen Verhältnis zu seinem Sohn und ein Bürger auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit seinem Staat, der ihn zunehmend frustriert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und in den angespannten Zeiten kein bequemer Weg.

Fazit: "Namrud" ist ein leises Porträt über einen in seinen Texten lauten, privat sehr leisen und nachdenklichen Musiker. Seinen Protagonisten Jowan Safadi bekommt Fernando Romero Forsthubers Dokumentarfilm nie ganz zu fassen, Israels Gesellschaft macht er ein Stück weit (be-)greifbarer.




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