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Kritik: Leto (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow setzt mit diesem bezaubernden musikalischen Spielfilm der frühen Rockszene seines Landes in den Jahren vor 1989 ein Denkmal. Ihre zwei zentralen Figuren in Leningrad, Mike Naumenko und Viktor Koi, experimentieren als Individuen mit einer rebellischen, kritischen Anti-Haltung, wie sie für die großen musikalischen Vorbilder aus dem Westen typisch, in der UdSSR aber verboten ist.

Dennoch spielen Mike, Viktor und ihre Freunde Rockmusik, gerade weil sie ein Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Freiheit ist. Der Stern Viktor Kois und seiner Band "Kino", die als Pionierin der russischen Rockmusik gilt, geht erst während der Perestroika auf und er verglüht rasch. Denn Viktor Koi stirbt 1990 bei einem Autounfall. Mike Naumenko kommt 1991 ums Leben. Serebrennikow macht seinerseits wie auch andere Künstler der Putin-Ära ernüchternde Erfahrungen mit dem Freiheitsversprechen des Postkommunismus: Er stellte den Film unter Hausarrest fertig und durfte 2018 nicht zur Premiere auf dem Filmfestival von Cannes anreisen.

Die größte Stärke des mit Ausnahme weniger Farbeinschübe in Schwarz-Weiß gedrehten Films ist, den Geist der jugendlichen Rebellion seiner Protagonisten erstrahlen zu lassen. Schon allein die Szene, in der die Musiker einen Sommerabend – Leto bedeutet Sommer - am Meeresstrand verbringen, ist Lebensfreude pur, die als solche naturgemäß auch gegen die Unfreiheit der Gesellschaft opponiert. Der ganze Film lässt einen die Rock-Revolution in einer noch nicht erzählten, nämlich der östlichen Variante, miterleben. Sie ist ähnlich radikal als die westliche und doch anders, trotz der amerikanischen und englischen Idole, deren Lieder Mike oft nachsingt und mit neuen Texten versieht.

Eine weitere herrliche Szene verwandelt einen braven, atmosphärisch heruntergedimmten Auftritt von Mikes Band im Rockclub plötzlich in ein wildes, lautes, ungezähmtes Toben. Es hält die Leute nicht mehr auf den Stühlen – aber solche Fantasieeinschübe zeigen nur auf witzig-ironische, zum Teil sehr inspirierte Weise, was nicht geschah, was nicht sein durfte, und was in den Köpfen der Musiker dennoch stattfand. Es gibt wiederholt solche Spielszenen in der Filmhandlung, in denen die Figuren praktisch zu Darstellern eines Musicals werden, ihre Ketten gedanklich sprengen und dann zurück in die Realität kehren.

Fazit: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow setzt zwei Rockmusik-Pionieren seines Landes und der mit ihnen verbundenen Leningrader Underground-Musikszene der frühen 1980er Jahre ein wunderbares Denkmal. Der mit Musik von Mike Naumenko und Viktor Koi, aber auch mit Melodien westlicher Rockmusiker jener Jahre gespickte Spielfilm ist eine Ode an die Jugend und die Freiheit, die zur Zeit der Handlung noch pure Sehnsucht war. Die mutigen Versuche dieser Rockmusiker, in der späten Sowjetära ein wenig am gesellschaftlichen Käfig zu rütteln, erfordern Witz, Ironie, Einfallsreichtum, die der flirrend leichte Film ebenfalls besitzt.




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