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Kritik: 12 Tage (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Manchmal sind die einfach gemachten Dokumentarfilme die besten. Ein Drehort, drei Kameras, zehn Verfahren mit Patient*in, Anwält*in, Richter*in – mehr gibt es in Raymond Depardons "12 Tage" nicht zu sehen. Hierfür überhaupt eine Genehmigung zu erhalten, war hingegen alles andere als einfach. So simpel die Form, so hochkomplex ist das Thema.

Gern erführe man mehr über die gezeigten Personen auf beiden Seiten der Richterbank. Doch Depardon verweigert dieses kathartische Moment ebenso wie Gespräche mit den Behandelnden. Deren Einschätzungen schimmern nur in der Aktenlage durch. Wie schwer es den Verantwortlichen fällt, ein gerechtes Urteil zu fällen, steht in ihren Gesichtern geschrieben. Dieses strenge Konzept fordert das Publikum dazu auf, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der immer selbe Ablauf der Anhörungen, lediglich von wenigen, von Alexandre Desplats hauchzarter Musik untermalten Innen- und Außenansichten des Klinikums unterbrochen, schafft eine Art Vertrauensbasis zwischen Patient*in und Publikum. Unweigerlich stellt man sich die Frage, was man selbst als "normal", was als "verhaltensauffällig" erachten und wie man selbst urteilen würde.

Von Fall zu Fall ziehen die eigenen Gedanken weitere Bahnen. Ganz im Sinne Michel Foucaults, aus dessen Buch "Wahnsinn und Gesellschaft" der Dokumentarfilm zu Eingang zitiert, rückt das Verhältnis von Freiheit und Aussonderung in den Mittelpunkt. Wird den Patient*innen in den geschlossenen Abteilungen geholfen, irgendwann ein eigenverantwortliches, resozialisiertes Leben führen zu können oder werden sie weggeschlossen, um den Rest der Gesellschaft zu beruhigen?

Die Antworten darauf fallen von Mal zu Mal völlig unterschiedlich, nicht selten von einer überraschenden Wendung begleitet, aus. Was Raymond Depardon dabei nachdrücklich gelingt, ist, die Menschen hinter den Krankenakten sichtbar zu machen.

Fazit: Raymond Depardons "12 Tage" ist ein streng komponierter Dokumentarfilm, der mit einfachen Mitteln tief ins französische Psychiatrie- und Justizsystem dringt. Er macht die Menschen hinter den Krankenakten sichtbar. Vor allem aber löst er Gedankengänge aus, die viel über uns selbst und die Psyche unserer demokratischen Gesellschaften verraten.




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