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Kritik: Gute Manieren (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seiner neuen gemeinsamen Arbeit "Gute Manieren" kombiniert das brasilianische Regie- und Drehbuch-Duo Juliana Rojas und Marco Dutra abermals gesellschaftskritische Beobachtungen mit fantastischen Elementen. Es lässt eine spannungsreiche Schilderung über Klassenunterschiede in São Paulo in eine grenzüberschreitende queere Liebesgeschichte übergehen, ehe der zunächst schleichende, dann drastische Horror Einzug hält, welcher wiederum gekonnt mit einem intensiven Mutter-Sohn-Drama und einer herrlich ambivalent erzählten Coming-of-Age-Story verbunden wird. Zusammengehalten wird dieser wilde Mix durch das Magische, Traum- und Märchenhafte – sowohl in Bezug auf den Plot als auch die Figurenzeichnung und, nicht zuletzt, die berückend schönen Bilder, welche Rojas und Dutra mit ihrem Kameramann Rui Poças ("Der Ornithologe") schaffen.

Die nächtlichen Straßen von São Paulo, ein Luxus-Apartment im wohlhabenden Teil der Stadt, eine maßlos-gigantische Shoppingmall und die Wohnungen der ärmeren Bevölkerung in der Favela – für alle Schauplätze findet der Film die perfekte Lichtsetzung und erzeugt Aufnahmen, die zugleich künstlich und wahrhaftig anmuten. Ohnehin ist "Gute Manieren" ein Werk der Gegensätze und Widersprüche, das jedoch verdeutlicht, dass Grenzen gesprengt werden können und müssen. Rasch lassen sich interessante Bezüge zur Folklore des Landes sowie zu den unterschiedlichsten Kino-Werken – von Jacques Tourneurs "Katzenmenschen" (1942) über diverse Disney-Klassiker bis hin zu John Landis' "American Werewolf" (1981) – herstellen; allerdings ist die Schöpfung von Rojas und Dutra weit mehr als eine Zitate-Sammlung.

Die drei Hauptfiguren des Films – die anfangs schwangere Ana (Marjorie Estiano), die ein Leben ohne Verpflichtungen gewohnt ist, sowie die afrobrasilianische Krankenschwester Clara (Isabél Zuaa), die den Kampf ums tägliche Überleben kennt, und der kleine Joel (Miguel Lobo), der sich "anders" und als Außenseiter fühlt – sind einerseits stereotyp angelegt, entwickeln andererseits aber im Laufe der Handlung ein faszinierendes Eigenleben und werden dadurch zu einzigartigen Personen. Als Zuschauer_innen fühlen und fiebern wir stets mit ihnen mit – wiewohl uns ihre düsteren Seiten niemals vorenthalten werden.

Fazit: Eine exzeptionelle Melange aus Sozial-, Liebes-, Horror- und Reifedrama im wunderschönen Gewand eines modernen, urbanen Märchens. Die Atmosphäre ist ebenso einnehmend wie das zentrale Figuren-Trio.




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