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Kritik: Donbass (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie jeder Krieg findet auch der im Donbass abseits der Schlachtfelder in den Medien seine Fortsetzung. Putins Propagandamaschine läuft wie geschmiert und bringt nicht nur die Politik, sondern auch manch medienkritischen Bürger an seine Grenzen. Welcher Seite soll man in diesem Verwirrspiel aus Information und Desinformation glauben? Sergei Loznitsa geht mit beiden hart ins Gericht und macht es seinem Publikum nicht einfach, den Überblick zu bewahren, welcher Seite es gerade zuschaut. Wie auch, wenn die Fronten mitten durch Familien verlaufen?

"Donbass" ist ein absurd komischer, grausam grotesker, in seiner letzten Konsequenz tödlicher Reigen. Die von Loznitsa frei erfundenen, aber dem wahren Leben entlehnten 13 Episoden sind kunstvoll miteinander verbunden. Die Erzählung fließt von einer Person zur nächsten, ist nur an die Zeit, nicht an den Raum gebunden. Mal heftet sie sich an die Fersen einer Figur, die die Szenerie betritt oder verlässt, mal überbrückt ein Telefonat Kilometer.

Nach "Mein Glück" (2010), "Im Nebel" (2012) und "Die Sanfte" (2017) ist "Donbass" erst Loznitsas vierter abendfüllender Spielfilm. Im Geschäft ist der 1964 geborene Ukrainer freilich schon lange. 19 Dokumentarfilme hat er in den vergangenen 20 Jahren gedreht. Diese Herkunft ist auch in "Donbass" zu spüren. In langen, ungeschnittenen Einstellungen lotet Loznitsa das Verständnis seiner Zuschauer für Wahrheit und Inszenierung aus. Während eine Episode wie abgefilmtes, dick aufgetragenes Theater wirkt und eine Distanz zum Gezeigten aufbaut, holt die nächste Episode durch eine nur schwer zu ertragende dokumentarische Nähe das Publikum wieder ganz dicht heran.

Loznitsas Spielfilme liefen allesamt bei den Festspielen in Cannes; die ersten drei im Wettbewerb um die Goldene Palme, "Donbass" in der Sektion "Un Certain Regard". Nach dem FIPRESCI-Preis für "Im Nebel" hat der Filmemacher an der Croisette in diesem Jahr die Auszeichnung als bester Regisseur seiner Sektion erhalten. Es ist auch eine Auszeichnung für Loznitsas ungeschminkten Blick. So überspitzt und verzerrt er die Wirren auch inszeniert, so viele Profiteure und Kriegsgewinnler er auf beiden Seiten auch zeigt, am Ende verlieren alle ein Stück weit ihre Menschlichkeit.

Fazit: Sergei Loznitsas vierter abendfüllender Spielfilm ist ein tragikomischer Reigen, der die Kriegs- und Medienwirren in der Ostukraine mal grotesk überhöht, mal unerträglich dokumentarisch, aber stets ungeschminkt vorführt.




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