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Durch die Wand
Durch die Wand
© Red Bull Media House

Kritik: Durch die Wand (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Filme übers Bergsteigen – egal ob fiktionale oder dokumentarische – handeln häufig von Rekorden. Mal geht es um die Erstbesteigung eines Bergs oder einer Route, mal darum, bereits durchstiegene Routen ohne Sauerstoff oder in immer kürzerer Zeit zu meistern. Auch "Durch die Wand" dokumentiert einen Rekord, noch dazu einen, den bis auf die Freikletterer selbst keiner für möglich gehalten hätte: die Erstbegehung der Dawn Wall am El Capitan.

Der El Capitan liegt im Yosemite-Nationalpark. Die bis zu 1000 Meter hohen, teilweise senkrecht abfallenden Flanken des Felsvorsprungs sind nicht nur ein Kletter-Eldorado, sondern auch dem einen oder anderen Kinogänger bekannt. In "Star Trek V: Am Rande des Universums" (1989) ist der beeindruckende Monolith ebenso zu sehen wie in unzähligen Dokus, darunter Pepe Danquarts "Am Limit" (2007). Während bei Danquart die Speedkletterer Alexander und Thomas Huber in nur wenigen Stunden die Route The Nose erklimmen, hängen Tommy Caldwell und sein Partner Kevin Jorgeson in Josh Lowells und Peter Mortimers Film 19 Tage in den Seilen.

Passend zum Thema beginnt das Regieduo seinen Film mit einem Cliffhanger. Ein Kameraflug nähert sich dem majestätischen Granitfelsen, gibt den Blick auf ein Biwak in luftiger Höhe frei. Caldwell und Jorgeson übernachten in 400 Meter Höhe. Seit neun Tagen sind sie am Berg. Caldwell hat soeben die schwerste Stelle des Aufstiegs bezwungen und prompt klingelt sein Telefon. Ein Reporter der New York Times ist dran, hievt das waghalsige Vorhaben auf die Titelseite und setzt damit einen Medienrummel in Gang, der Jorgeson mächtig unter Druck setzt. Im Gegensatz zu Caldwell muss dieser die schier unbezwingbare Traverse nämlich erst noch meistern. Ob er es schafft, bleibt zunächst offen. Denn die Regisseure blenden einige Jahre zurück.

In der ersten Stunde widmet sich "Durch die Wand" ganz seinen Protagonisten und deren Vorbereitung. Dabei liegt der Fokus klar auf Kletter-Wunderkind Tommy Caldwell, der den aberwitzigen Versuch angeleiert hat. Eltern und Freunde, andere Bergsteiger und die beiden Frauen in Tommys Leben, seine Exfrau und langjährige Seilpartnerin Beth Rodden und seine zweite Ehefrau, die Fotografin Rebecca Pietsch, kommen zu Wort. Dazwischen zeichnen Archivaufnahmen das Bild eines schüchternen und schmächtigen Jungen, der seinem Vater, einem Bodybuilder und Bergführer, nacheifert. Selbst traumatische Ereignisse werfen Tommy Caldwell nicht aus der Bahn – egal ob er in Kirgisistan von Rebellen entführt wird oder seinen linken Zeigefinger in einer Kreissäge verliert.

Diese erste Filmhälfte überzeugt nur ansatzweise. Die formalen Mittel bleiben zu konventionell, mögliche Konflikte (ob, wie und wann etwa die Liebe zum Bergsteigen in Besessenheit kippen könnte) werden nur angedeutet und selbst hochdramatische Ereignisse wie die Entführung in Zentralasien wirken seltsam dröge. Auch die romantisch-professionelle Beziehung zwischen Caldwell und Rodden streifen die Regisseure allenfalls oberflächlich. Wofür sie sich tatsächlich interessieren, ist das Bergsteigen. Und hier wird es richtig spannend. Als der Film wieder an seinen Beginn anlangt, gelingt Lowell und Mortimer ein bewegendes Porträt einer am Berg erwachsenen Männerfreundschaft. Und dank Brett Lowell, der mit seiner Kamera dicht am Felsen hing, sieht das stets spektakulär nah und atemberaubend aus, auch wenn die Aufnahmen nie ganz an vergleichbare wie die aus "Am Limit" heranreichen.

Fazit: "Durch die Wand" ist ein konventionell gestalteter Dokumentarfilm über einen Weltrekordversuch im Klettern. Während die erste Hälfte wenig überzeugt und sich für vieles nur oberflächlich interessiert, ist das Finale spannend wie ein Krimi. Eine Geschichte über Freundschaft und Durchhaltevermögen, die dank spektakulärer Aufnahmen auch Zuschauern gefallen dürfte, die mit Bergsteigen nichts am Hut haben.




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