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Tokat - Das Leben schlägt zurück
Tokat - Das Leben schlägt zurück
© JIP Film und Verleih

Kritik: Tokat - Das Leben schlägt zurück (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Andrea Stevens' und Cornelia Schendels erster langer Dokumentarfilm beginnt mit einem Lexikoneintrag, der den ungewöhnlichen Titel erklärt. Das türkische Substantiv "tokat" bedeutet "Ohrfeige". Anfang der 1990er-Jahre gebrauchten es Frankfurter Jugendbanden synonym für "beklaut" oder "abgerippt". Kerem, Dönmez und Hakan gehörten dazu, rippten Jacken von anderen Jugendlichen ab, verkauften und konsumierten Drogen. Stevens und ihre Koregisseurin Schendel, selbst in Frankfurt und Offenbach aufgewachsen, bekamen diese Auswüchse seinerzeit nur am Rande mit. In "Tokat" zeigen sie nun, was aus Kerem, Dönmez und Hakan geworden ist.

Der Einstieg über die Sprache ist eine schöne Idee. Denn bereits das Vokabular der drei Protagonisten sagt viel zwischen den Zeilen – beispielsweise über ihre schulischen Leistungen und ihre Chancen im deutschen Bildungssystem. Ihr Wortschatz ist bis heute überschaubar, der Film untertitelt. Das führt aber auch zu spannenden Bezeichnungen. Wenn sich der 40-jährige Kerem an durchzechte Nächte erinnert, spricht er nicht etwa davon, Unsummen auf den Kopf gehauen zu haben, nein, in Kerems Erinnerung hat er das eben erst eingenommene Geld postwendend wieder "kaputtgemacht". Welch treffender Ausdruck, schließlich hat das Geld, haben die Drogen irgendwann auch ihn und seine Jungs kaputtgemacht.

Von den drei Jugendfreunden lebt nur noch Kerem in Deutschland. Obwohl er wegen Totschlags jahrelang im Gefängnis saß, wurde nicht er, sondern Dönmez und Hakan abgeschoben, was Kerem bis heute nicht versteht. Seiner Meinung nach hätte er an ihrer Stelle sein müssen. "Tokat" besucht Dönmez und Hakan, mal allein, mal gemeinsam mit Kerem und dessen Lebensgefährtin. Wie schon in Deutschland halten sich die Filmemacherinnen auch in der Türkei geschickt im Hintergrund, lassen die Protagonisten von sich selbst erzählen, anstatt sie mit bohrenden Nachfragen zu verschrecken.

Diese neutrale Herangehensweise fordert das Publikum, lässt sie doch viele Fragen offen und rücken die offenherzigen Bekenntnisse nicht jeden der Protagonisten in ein gutes Licht. Nach und nach und abermals zwischen den Zeilen geben die drei Exkriminellen immer mehr von sich preis. Man begreift, wie einfach es war, in die Szene abzurutschen und um wie vieles schwerer, wieder herauszukommen.

Das Erstaunliche daran ist, dass keiner die Schuld bei jemand anderem sucht – weder beim deutschen Schulsystem, Staat oder der skeptischen Mehrheitsgesellschaft noch bei den eigenen, bildungsfernen und zum Teil an überkommenen Ehrvorstellungen klebenden Familien. Trotz dieser denkbar schlechten Startchancen nehmen sich die drei Freunde in der Rückschau selbst in die Verantwortung. Mit den Folgen ihrer Verfehlungen haben Kerem, Dönmez und Hakan bis heute für jedermann ersichtlich zu kämpfen. Das imponiert und sollte heutigen Jugendlichen zugleich als abschreckendes Beispiel dienen.

Fazit: Der Dokumentarfilm "Tokat" zeigt, was aus drei ehemaligen Mitgliedern einer Frankfurter Jugendbande heute geworden ist. Angesichts schwelender Debatten um Einwanderung und Abschiebung ist das Thema durchaus aktuell. Andrea Stevens' und Cornelia Schendels neutraler, beobachtender Ansatz fordert das Publikum heraus, sich eine eigene Meinung zu bilden, nicht zuletzt, weil ihr Film viele Fragen offenlässt.




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