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Kritik: Menashe (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der amerikanische Dokumentarfilmer Joshua Z. Weinstein hat sein Spielfilm-Regiedebüt in der chassidischen Gemeinde von Brooklyn angesiedelt. Die Geschichte eines Vaters, der um das Sorgerecht für seinen Sohn kämpft, trägt halbdokumentarische Züge. Alle Rollen sind mit jüdischen Laiendarstellern der Gemeinde besetzt und der Hauptcharakter Menashe ist stark von der Biografie seines Darstellers Menashe Lustig inspiriert. Alle Figuren sprechen Jiddisch, wie auch im richtigen Leben, und ihr Alltag mit seinen Bräuchen und Regeln wird sehr realitätsnah geschildert. Das Ergebnis ist ein ruhiges, sensibles Drama mit humorvoller Note, das spannende Einblicke in eine sonst nach außen abgeschottete Gemeinschaft bietet.

Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass Menashe mit den strengen Lebensregeln seiner Gemeinde im Clinch liegt und von innen heraus dagegen rebelliert. Er will seinen eigenen Weg finden und hadert mit vielen Dingen wie ein Jugendlicher. Man wirft ihm vor, dass er nicht wie die anderen Männer den schwarzen Mantel und den Hut trägt, sondern nur eine Weste über weißem Hemd und ein Käppi. Er wurde einst von seinem Vater zwangsverheiratet, die Ehe war unglücklich. Menashe hat einfach keine Lust, beim Heiratsvermittler eine neue Frau zu nehmen, für die er nichts empfindet. Der Schwager verachtet ihn. Menashe ist auch noch unbeholfen und schusselig, ständig passiert ihm ein Missgeschick. Er bekommt von seinem eigenen, oft recht kritischen Sohn einen Spiegel vorgehalten, erkennt, dass er erwachsen werden muss. Mit diesem sympathischen Hauptcharakter erlaubt sich der Film auch recht kritische Töne, die strengen Regeln der chassidischen Gemeinde betreffend. Dass sie dabei mitspielt, beweist nur, wie ernst sie selbst den Diskurs über Anpassung und individuelle Freiheit nimmt.

Die jiddische Sprache, die Musik, die Feste und Bräuche, die in der Geschichte vorkommen, sorgen für eine beeindruckende, attraktive Atmosphäre. Die Geborgenheit, die die Menschen in dieser religiösen Gemeinschaft erleben, teilt sich den Zuschauern mit. Der oft provokante, aber treffende Witz, der mit Menashes Rebellion einhergeht, kann unerhört und zugleich gutmütig wirken. Die chassidische Gemeinde wird nicht verklärt in diesem Film, sondern an der Seite Menashes staunend, ein wenig fremdelnd und dennoch wohlwollend erkundet.

Fazit: Das Spielfilm-Regiedebüt von Joshua Z. Weinstein ist eine sehr authentische Dramödie mit dokumentarischen Zügen, die in die abgeschottete Gemeinschaft chassidischer Juden in Brooklyn einführt. Mit seinem Titelcharakter, einem gegen die strengen Vorschriften zur Lebensführung rebellierenden, alleinstehenden Vater, der seinen Sohn zu sich nehmen will, erlaubt sich der Film einen provokanten, humorvollen Blick auf das Milieu. Indem ihre Mitglieder als Laiendarsteller fungieren, beweist die Gemeinde, dass sie Konflikte zwischen Tradition und Selbstbestimmung ernst genug nimmt, um sie nicht unter den Teppich zu kehren.





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