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Kritik: Alexander McQueen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Alexander McQueens Werk wirkt lange über seinen Tod hinaus. Ein Jahr nach seinem Ableben eröffnete das New Yorker Metropolitan Museum of Art eine Ausstellung über seine wegweisenden Modeschöpfungen, die innerhalb von nur drei Monaten mehr als 650.000 Besucher anlockte. Auch im Londoner Victoria and Albert Museum, wo die Werkschau zwischen März und August 2015 Station machte, war sie ein Publikumsmagnet. Der Titel "Savage Beauty" trifft den Nagel auf den Kopf, war McQueens Schaffen doch von einer wilden Schönheit, vom Wechselspiel zwischen Attraktion und Repulsion geprägt. In einer Archivaufnahme formuliert es der Modeschöpfer so: "Ich will, dass Sie entweder vor den Kopf gestoßen oder erheitert aus meiner Show kommen. Hauptsache Sie fühlen was. Wenn Sie meine Show kalt lässt, mache ich meinen Job nicht richtig."

Lee Alexander McQueen, so sein bürgerlicher Name, war ein Freigeist, ein Querdenker, ein Provokateur. Seine erste große Modenschau finanzierte er von seinem Arbeitslosengeld. Die Materialien dafür waren teils keine zehn Pfund wert. Weil er aus einfachen Verhältnissen stammte, drückte ihm die Presse das Label des Modeprolls, des Enfant terrible aus der Arbeiterklasse auf, gegen das sich seine Mutter Joyce in einer anderen Archivaufnahme energisch zur Wehr setzt. Denn dieser schüchterne junge Mann, der sich mit überbordendem Talent und Chuzpe ganz nach oben rackerte, war so vieles mehr. In ihrer sorgfältig recherchierten, schillernden Collage aus Interviews und Archivaufnahmen arbeiten Ian Bonhôte und Peter Ettedgui die Verletzlichkeit hinter McQueens cooler Fassade feinfühlig heraus.

Dabei werfen die beiden Regisseure auch ein Schlaglicht auf die Schattenseiten eines Lebens an der Spitze einer Industrie, die sich vom Oberflächenglanz nährt. Mit dem Ruhm kommen die Versuchungen: Drogen, Arroganz, Depressionen. Der zuvor so bodenständige Typ, der in Paris lieber mit seinen Schneidern in der Kantine aß, als nobel zu dinieren, hebt ab, vergrault alte Freunde, vergräbt sich auf seinem Landsitz. An diesen Stellen bohren Bonhôte und Ettedgui nicht immer tief genug. Welche Wunden McQueen hinterlassen hat, zeigen sie dennoch eindrucksvoll.

Ihr Dokumentarfilm ist flott montiert und ein kreatives Sammelsurium verschiedenster Formate, ganz so wie McQueens Mode. An dessen wildes Genie reicht das in fünf Kapitel eingeteilte, letztlich doch recht konventionell erzählte Porträt zwar nicht annähernd heran. McQueens Mode ist jedoch ein Pfund, mit dem sich ordentlich wuchern lässt. Die extravaganten Modenschauen, in denen schon mal unfreiwillig ein Auto brennt, Roboter ein Kleid mit Farbe besprühen oder eine füllige Nackte das gängige Schönheitsideal infrage stellt, entfalten zu Michael Nymans erhabenen Klängen auf der großen Leinwand eine unglaubliche Wucht.

Fazit: "Alexander McQueen" ist ein sorgfältig recherchiertes, feinfühlig erzähltes und dennoch wuchtiges Porträt, das den Menschen hinter dem Modemacher zeigt. Eine schillernde Collage aus Interviews und Archivaufnahmen mit umwerfenden Entwürfen zum Staunen oder Kopfschütteln.




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