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Westwood
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Kritik: Westwood (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseurin Lorna Tucker kennt sich mit Größen des Showgeschäfts aus. Sie lernte ihr Handwerk beim Dreh von Tourvideos mit Bands wie "Unkle" und "The Queens of the Stone Age", bevor sie zu längeren Formaten und Video-Kunst wechselte. Für ihren ersten Kinodokumentarfilm hat sie sich eine ganz spezielle Größe der britischen Modewelt ausgesucht. Vivienne Westwood hat auch mit Ende 70 keine Zeit zu verlieren. Nicht auf den Mund gefallen macht sie Tucker gleich zu Beginn klar, dass sie wenig Lust habe, die immer selben Anekdoten vor der Kamera zu wiederholen. Das sei stinklangweilig, gibt Westwood mürrisch zu Protokoll und erbarmt sich dann doch um des Films willen. Eine unbequeme, eigensinnige Protagonistin.

Dieser Eigensinn zieht sich als erzählerischer roter Faden durch Tuckers dokumentarisches Porträt. Mit einer vertrauten Mischung aus Interviewsituationen, Voice-over-Kommentar und Archivmaterial schreitet Tucker Westwoods Biografie ab. Dabei konzentriert sie sich beinahe ausnahmslos auf Westwoods Karriere, zuletzt auf ihr Engagement für den Umweltschutz. Kindheit und Jugend der 1941 als Vivienne Isabel Swire geborenen Modedesignerin sind lediglich eine Fußnote, wie Tucker auch Westwoods wohl berühmtestem Lebens- und Geschäftspartner Malcolm McLaren nicht zu viele Minuten einräumt. Eine konsequente Entscheidung, schließlich musste sich Westwood zeitlebens alles selbst erkämpfen. Die Grande Dame des Punk servierte McLaren übrigens deshalb ab, weil er ihr intellektuell zu langweilig geworden war. Nicht der letzte Seitenhieb, der sitzt.

Andreas Kronthaler, der bei Westwood in Wien studierte und mit dem sie seit 1992 verheiratet ist, nimmt indes viel Raum ein. Der selbstbewusste, durchaus abgehobene und eingebildete Österreicher eröffnet eine neue Perspektive auf ihre Arbeit. Er hat größeren Anteil an Westwoods Kollektionen, als viele Außenstehende, aber auch manche von Westwoods Mitarbeitern vermuten, wenn sie neu ins Unternehmen kommen. An einer Stelle bezeichnet Westwood sich gar als seine Muse (und nicht umgekehrt). Ein spannendes Gespann, das seine Angestellten vor laufender Kamera ganz ungeniert, mal offensiv, mal passiv-aggressiv die eigene Unzufriedenheit spüren lässt. Tucker stellt die Porträtierte definitiv nicht auf ein Podest.

Zu Beginn bringt die Regisseurin durch dynamisch montiertes Archivmaterial reichlich Schwung in ihren Dokumentarfilm. Die Form spiegelt das Lebensgefühl der Swinging Sixties, später des aufkommenden Punk. Danach verläuft "Westwood" allerdings in ziemlich geordneten Bahnen, zeigt die teils chaotischen Zustände sehr strukturiert und konventionell. Das wahre Ereignis ist die starke Frau – stets zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs –, um die sich alles dreht. Im Gegensatz zu anderen großen Modemarken wie etwa Gucci, Dior oder McQueen ist das Modeimperium immer noch in ihrer eigenen Hand. Eine der vielen erstaunlichen Errungenschaften eines kreativen Kopfes und wachen Geistes.

Fazit: Regisseurin Lorna Tucker gelingt ein dichtes Porträt einer starken, unangepassten und emanzipierten Modedesignerin, das seine Protagonistin nie auf ein Podest hebt, mit deren Kreativität allerdings nicht ganz mithalten kann. Nach einem schwungvollen Auftakt verläuft der Dokumentarfilm schnell in allzu vertrauten Bahnen.




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