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Kritik: Phantomschmerz (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Für tolle Bilder braucht es kein Millionenbudget. Sebastian Sellners fein komponierte, klare, farblich stets ein wenig unterkühlte Einstellungen sehen nach großem, aufwendig gedrehtem Kino aus. Dabei standen neben dem Kameramann gerade einmal 14 weitere Crewmitglieder am Set. Statt Millionen hatte das Team der Camcore Filmproduktion gerade einmal 50.000 Euro zur Verfügung. Angesichts der Qualität auf der Leinwand mag man es kaum glauben. "Phantomschmerz" war nur durch einen Gagenverzicht aller Beteiligten, mit eigenem Geld, der Hilfe einer Crowdfundingkampagne und der Unterstützung von Familie und Freunden möglich.

Camcore, das sind in erster Linie die beiden filmvernarrten Freunde Daniel Littau und Andreas Olenberg, die gemeinsam in Espelkamp, einem Kaff in Nordrheinwestfalen aufgewachsen sind. Im Alter von 12 und 13 Jahren gründeten sie Camcore und drehten Kurzfilme mit einer Webcam. Daniel spielt, produziert und schreibt an den Drehbüchern mit, Andreas schreibt, filmt und führt Regie. Auf Film- oder Schauspielschulen schaffte es zwar keiner von beiden. Weitergemacht haben sie trotzdem. Ihre Kurzfilme "Halbnah" (2014) und "Revolve" liefenn im "Short Film Corner" in Cannes. Für "Revolve" erhielt Andreas Olenberg zudem den Deutschen Kamerapreis. All die Erfolge und Auszeichnungen haben bei Bewerbung um eine Filmförderung nicht geholfen. Olenberg, Littau & Co. haben "Phantomschmerz" dennoch gedreht.

Diese Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Akribie ist der Mischung aus Thriller und Drama von der ersten Sekunde an anzusehen. Jede Einstellung ist durchdacht, jeder Schnitt sitzt. Schöner noch: Auch über Szenenwechsel hat sich der Regisseur lange vor dem Dreh Gedanken gemacht. Mit cleveren audiovisuellen Match Cuts bringt er Gegenwärtiges und Vergangenes sowie parallel ablaufende Handlungsstränge mal dramatisch, mal leicht ironisch miteinander in Verbindung. Dann fallen auf den Rhythmus einer Herzmassage abgestimmt Schüsse oder knacken Spiegeleier nach einem missglückten Spagat auf einer Tanzfläche in die heimische Pfanne.

Olenberg und Littau, die das Drehbuch gemeinsam verfasst haben, erzählen ihre Geschichte in einer langen Rückblende als klassisches Whodunit. Dabei lassen sie ihr Publikum lange Zeit geschickt im Dunkeln, bevor sich all die Puzzleteile zusammenfügen. So brillant das bereits aussieht, was die Figurenzeichnung, die Dialoge und den Spannungsbogen anbelangt, hätte das Skript noch etwas mehr Feinschliff vertragen. Vor allem die von Daniel Littau gespielte Hauptfigur Finn trägt ihre Sätze ab und an etwas unnatürlich vor. Und für eine Mischung aus Thriller und Drama fehlt trotz des auf dem Papier hochdramatischen Endes insgesamt ein Quäntchen Thrill und Drama. Verglichen mit anderen ohne Förderung entstandenen Filmen mit ähnlich niedrigem Budget, sind das jedoch verschmerzbare Schwächen. "Phantomschmerz", das ist vor allem ein starkes Versprechen für die Zukunft.

Fazit: "Phantomschmerz" ist ein in allen Gewerken beachtliches Debüt, das beweist, dass sich in Deutschland auch ohne Filmfördertöpfe mit viel Schweiß und Herzblut eindrucksvolles Kino machen lässt.




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