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FBW-Bewertung: Kirschblüten & Dämonen (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Doris Dörries Spielfilm ist keine einfache Kost. Und das liegt nicht an der Laufzeit von 111 Minuten, sondern an der Vielschichtigkeit und Komplexität des Dramas.
Seitdem Rudi und Trudi Angermeier aus KIRSCHBLÜTEN HANAMI verstorben sind, sind viele Jahre vergangen. Karl, der jüngste Sohn, hat seitdem im Hier und Jetzt keinen Halt finden können. Er hängt an der Flasche, ist geschieden, darf seine Tochter nur selten sehen und wird von Alpträumen verfolgt. Eines Tages klingelt es an seiner Wohnungstür. Als er öffnet, steht vor ihm eine kleine Japanerin, die ihn mit den Worten ?It?s me, Yu. I am Yu? begrüßt. Eine Schlüsselszene, die hilft, die nachfolgenden Filmminuten besser verstehen zu können.
Mit KIRSCHBLÜTEN&DÄMONEN knüpft Dörrie an ihren Filmerfolg von 2008 an. Doch während der Vorgänger zeigt, dass Trudi und Rudis Kinder keine Zeit für die Ängste und Nöte ihrer Eltern haben, sind es diesmal die Gespenster, oder um mit dem Filmtitel zu sprechen: die Dämonen der Vergangenheit, die Karl heimsuchen. Seine toten Eltern lassen ihn nicht mehr los.
Dörries Bilder sind verstörend. Mit recht roh wirkendem Filmmaterial und bisweilen willkürlich scheinenden Schnitten umreißt sie die Situation Karls. Vieles wirkt alptraumartig gehetzt. Kaum einer Szene hat sie offensichtlich genügend Raum zum Wirken gönnen wollen. Bisweilen fehlender Weißabgleich und schlechte Tonsynchronisation irritieren. Im Filmgespräch zeigt sich die Jury unschlüssig, wie sie diese auffälligen, qualitativen Makel zu werten habe, als Fehler oder als bewusst eingesetztes Konzept. Je weiter aber die anfangs durchaus ambivalente Diskussion gedeiht, desto mehr entschlüsselt sich Dörries dramaturgisch überaus durchdachter Plan.
Dörrie erzählt spannend, aber nur selten linear. In schier endlos wirkender Vielschichtigkeit nähert sich KIRSCHBLÜTEN&DÄMONEN nicht nur den kaputten Familienverhältnissen der Angermeier-Nachkommen, sondern vor allem auch der arg beschädigten Seele Karls. Der musste als Kind nicht nur die Schläge seiner Geschwister einstecken, sondern sich auch gegen den Ruf des Nesthäkchens wehren. Echte Männlichkeit, so zeigte sich einst schon in KIRSCHBLÜTEN HANAMI, schien er erst als Bänker in Tokio gefunden zu haben. Ein Trugschluss, wie der Film jetzt offenbart. Als Yu an seine Tür klopft, wird sie zu dessen gedachtem Alter Ego. Ihr ?It?s me, Yu. I am Yu? darf durchaus als ?It?s me, You. I am You? verstanden werden. Wie ein kleiner Kobold umtanzt sie Karl fortan, spendet Schutz und Trost, führt ihn aber immer wieder auch an Abgründe. Erst als Karl im Krankenhaus um sein Leben ringt, werden Dörries Bilder ruhiger, offener, weiter. Karls Familie zeigt sich an seinem Bett vereint. Allein der Preis, den Karl für diese Konsolidierung zahlt, der ist beachtlich.
Geschickt spielt Dörrie immer wieder mit der Bedeutung von Befreiung und Sexualität. Ihre Dramaturgie fordert, wirkt alptraumhaft-rauschhaft, niemals einfach. KIRSCHBLÜTEN&DÄMONEN verlangt hohe Konzentration von seinen Rezipienten. Es lohnt sich aber, wie die Jury im Gespräch immer wieder feststellt, intensiv beim Film zu verweilen. Das Drama lässt seine Zuschauer über lange Strecken als Suchende zurück. In jedem Bild, in jedem Motiv mag sich ein Schlüssel zum besseren Verständnis verbergen, doch es ist erst die Gänze des Gezeigten, die den Film zu dechiffrieren hilft.
Analog zu KIRSCHBLÜTEN HANAMI ist es erst eine Reise Karls nach Japan, die auch dem Protagonisten schließlich beim Überwinden von Vergangenheit und familiärer Enge verhilft und den Zuschauern gleichzeitig zu einer lange ersehnten, dramaturgischen Öffnung und beinahe fühlbaren Weite des Films. KIRSCHBLÜTEN&DÄMONEN ist alles andere als ein eindimensionaler Film, Dörries Drama hat seine Zuschauer sicherlich auch noch Tage nach Sichtung im Griff und gerade darum lohnt es sich auch, über das Gesehene intensiv zu diskutieren.



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