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Kritik: Ohrensausen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Was für eine köstliche Komödie der italienische Regisseur Alessandro Aronadio ("Ein Leben, vielleicht auch zwei") hier vorlegt! Sein Antiheld gewinnt im Laufe eines einzigen Tages den Eindruck, sich in seinem Leben, seiner Umgebung nicht mehr zurechtzufinden. Mit einem wachsenden Gefühl der Orientierungslosigkeit geht er durch die Straßen Roms, begegnet Menschen, die alles nur noch komplizierter zu machen scheinen. Die vertrackten Situationen, in die er gerät, sind ungemein lustig und kommen den Zuschauern sicherlich zum Teil aus dem eigenen Leben bekannt vor.

Das Pfeifen im Ohr, mit dem der Mann aufwachte, ist natürlich symptomatisch für die Misstöne, die die individualisierte Gesellschaft und die Reizüberflutung so mit sich bringen. Aber es ist auch ein Weckruf, denn wem die Welt zu entgleiten droht, der hat sich wohl selbst zu lange in falscher Sicherheit gewogen. Dieser Filmcharakter ähnelt einem Narren, der sich ungläubig die Augen reibt – warum klappt denn die einfachste Kommunikation mit anderen nicht mehr? In der Klinikambulanz erlebt er einen wahren Albtraum, der zugleich zum Schreien komisch ist. Niemand will sich um sein Ohr kümmern, stattdessen landet er bei einer Unterleibsuntersuchung, die ihm Angst und Bange macht. Im Schnellimbiss traktiert ihn der Verkäufer mit Menü- und Preisangeboten, die er nicht will. Ständig muss er zuhören, ohne den Dialog positiv steuern zu können, ohne zu verstehen. Doch er bekommt auch Dinge zu hören, die ihn zur Auseinandersetzung mit sich selbst zwingen. Der Hauptdarsteller Daniele Parisi muss keine Miene verziehen, um komisch zu wirken, denn seine Worte und Anliegen sind ja berechtigt, während sich seine wechselnden Gegenüber oft höchst eigenwillig verhalten.

Der Film erinnert an Jan Ole Gersters "Oh Boy" aus dem Jahr 2012, in dem der von Tom Schilling gespielte Hauptcharakter ziellos durch Berlin spazierte und sich ebenfalls deplatziert vorkam. Auch hier wurde in Schwarzweiß gedreht. Man kann bei Aronadio lauter lachen, der Humor ist oft deftiger. Dennoch wirken die Situationen sehr realitätsnah und gut beobachtet, mit einer Prise Sozialkritik – etwa beim Stichwort Selfies. Leider passt das Ende mit seiner versöhnlichen, recht platten Auflösung nicht ganz zum hohen Unterhaltungsniveau der bisherigen Handlung. Dennoch ist diese Komödie so lustig, dass sie sich niemand entgehen lassen sollte.

Fazit: Diese italienische Komödie mit sozialsatirischem Ton konfrontiert ihren Antihelden auf höchst vergnügliche Weise mit der Erfahrung, dass seine Worte bei anderen nicht auf die gewünschte Reaktion stoßen. Wie er einen Tag lang durch die Straßen Roms läuft, getrieben von einem irritierenden Geräusch im Ohr, und nur weitere Baustellen aufgehalst bekommt, wird sehr realitätsnah geschildert. Der Film reizt oft zum lauten Auflachen und überzeugt mit seinem hervorragenden Gespür für die Tücken der modernen Alltagskommunikation.




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