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The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Freunden
The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Freunden
© Alamode Film

Kritik: The Kindness of Strangers - Kleine Wunder unter Freunden (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Ihren internationalen Durchbruch schaffte Lone Scherfig um die Jahrtausendwende mit "Italienisch für Anfänger", einer Sozialkomödie im Dogma-95-Stil. Auch deren Nachfolger, etwa die rabenschwarze Tragikomödie "Wilbur Wants to Kill Himself" (2002), das Coming-of-Age-Drama "An Education" (2009) oder das in der Filmbranche angesiedelte Weltkriegsdrama "Ihre beste Stunde" (2016), kamen bei Kritik und Publikum gut an. Dass Scherfig kitschigen Zufallskonstellationen nicht abgeneigt ist, zeigte sie bereits mit ihrer durchwachsenen Romanverfilmung "Zwei an einem Tag" (2011), in der sich ein Paar über fünfzehn Jahre hinweg immer wieder begegnet. Um Zufallsbekanntschaften und -begegnungen geht es nun auch in "The Kindness of Strangers".

Scherfigs jüngstes Drama eröffnete im Februar 2019 die 69. Berlinale. Im Gegensatz zu ihrem bisherigen Schaffen war die internationale Presse ganz und gar nicht angetan. Beim Kritikenspiegel der britischen Zeitschrift Screen International belegte "The Kindness of Strangers" lediglich Rang 14 der 16 Wettbewerbsfilme. Zum Jahresende können sich nun auch die Kinobesucherinnen und Kinobesucher ein Bild machen und werden den schlechten Rezensionen vom Jahresbeginn zustimmen. In dieser ganz ungeniert mit einem Festtagspublikum liebäugelnden Schmonzette läuft schlicht zu viel falsch und geht zu viel schief.

Zu Beginn läuft die Handlung noch geschmiert. Scherfigs Drehbuch führt die Vielzahl an Figuren geschickt ein und verknüpft sie versiert miteinander. Auch die Beiläufigkeit, mit der sich ihre Wege wiederholt kreuzen, kann sich sehen lassen. Ebenso Sebastian Blenkovs Kameraarbeit, die die Metropole am Hudson in warmes Licht taucht und wohl komponierte Einstellungen auf die Leinwand zaubert. Angesichts der Thematik wirken Blenkovs Aufnahmen jedoch befremdlich. Scherfig erzählt von häuslicher Gewalt, sozialem Abstieg und Resozialisierung auf der einen Seite und auf der anderen von der Nächstenliebe derer, die versuchen, diese Resozialisierung zu ermöglichen und den sozialen Abstieg zu verhindern. Sie verpackt das Ganze allerdings in eine zuckersüße Weihnachtsoptik.

Schon der Handlungsort spricht dem harschen Alltag der Figuren Hohn. Dreh- und Angelpunkt ist ein zwar im Niedergang begriffenes, aber immer noch nobles russisches Restaurant. Fast scheint es so, als habe Scherfig keine Lust auf tristen Sozialrealismus gehabt. Um all ihre Charaktere dort zu verorten, muss sie die Realität bis an die Grenze der Lächerlichkeit zurechtbiegen. Der Restaurantbesitzer stellt ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Referenzen einzufordern einen Ex-Häftling als neuen Leiter ein, eine Krankenschwester isst am liebsten Kaviar und eine alleinerziehende Mutter auf der Flucht klaut ihren hungrigen Kindern Horsd’œuvres. Wenn es nicht so ernst gemeint wäre, könnte das glatt als Zynismus durchgehen.

Mit zunehmender Laufzeit gerät schließlich auch der erzählerische Motor ins Stottern. Die Figuren erhalten keinerlei Tiefe, die Schauspieler verleihen ihnen kaum Kontur. Die Dialoge wirken aufgesetzt. Caleb Landry Jones' Rolle, die als comic relief gedacht ist, erregt mehr Mitleid, als dass die zum Lachen anregt. Tahar Rahim wiederum agiert bis zuletzt so hölzern, dass das beabsichtigte Knistern zwischen ihm und Hauptdarstellerin Zoe Kazan komplett ausbleibt. Selbst höchstdramatische Szenen – stets von bedeutungsschwangeren Streichern hervorgehoben – verlieren so an Wirkung.

Wohl in weiser Voraussicht auf die harsche Kritik an all diesen Ungereimtheiten bewirbt der Verleih "The Kindness of Strangers" als Märchen. Doch selbst als modernes Märchen geht das um Längen besser. Dass ein märchenhaftes Drama sehr wohl von den sozialen Rändern erzählen kann, ohne in Kitsch, Schmonzes und blanken Unsinn zu verfallen, hat unlängst beispielsweise Sean Bakers "The Florida Project" (2017) bewiesen.

Fazit: "The Kindness of Strangers" möchte ein herzerwärmendes Weihnachtsmärchen sein, kommt aber über eine kitschige Schmonzette nicht hinaus. Das international besetzte Ensemble bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das Drehbuch steckt voller Ungereimtheiten. Und der Film gefällt sich allzu sehr in einer zuckersüßen Optik, die seinen Themen und Milieus nicht gerecht wird.




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