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FBW-Bewertung: Kleine Germanen (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: ?Islamfreie Schulen?, ?Kinder Willkommen?, ?Neue Deutsche? - Machen Wir Selber!?. Diese und ähnliche Sprüche finden sich auf den Wahlplakaten rechter Parteien. Was wirklich dahinter steckt, und vor allem, wie eine Kindheit in einem extrem rechtsextremen Haushalt vorzustellen ist, das versucht KLEINE GERMANEN aufzudecken.

Äußerst feinfühlig arbeitet sich der Dokumentarfilm von Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger an das Thema heran. Dafür erzählt er die Lebensgeschichte von Elsa. Angefangen von ihrem Spiel mit dem Großvater über ihre eigene Familiengründung, bis hin zur Loslösung aus rechtsextremen Zusammenhängen ist ihre Biographie von generellem Misstrauen, Fremdenfeindlichkeit und Ängsten geprägt. Das ist eine Feststellung, die betroffen macht. Weil Menschen des rechten Spektrums sich im öffentlichen Leben durch fremde Kulturen und linke Einflüsse bedroht fühlen, scheint es naheliegend, dass sie sich ausschließlich auf eigene Peergroups verlassen, sei es die Familie oder eine rechtsextreme Gemeinschaft.

KLEINE GERMANEN folgt einem interessanten, dramaturgischen Konzept. Durch seine Einfühlsamkeit gelingt es dem Dokumentarfilm, ein Gespür für das Klima in diesen Peergroups zu vermitteln. Dem durch die Ängste entstehenden Druck von außen wird ein innerer Druck entgegen gesetzt. Diskurse sind alleine dadurch beinahe unmöglich. Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger gelingt es,genau durch genau diese Beobachtungen und Feststellungen Sympathie für die Kinder und Jugendlichen innerhalb dieser Systeme zu entwickeln.

Fehlende Bilder - sei es, weil Bildmaterial schlichtweg fehlt, sei es zum Schutz betroffener Kinder vor derÖffentlichkeit ? weiß KLEINE GERMANEN dabei durch liebevoll gestaltete Animationssequenzen zu ergänzen. Alle ?hard facts? werden dagegen zumeist eingesprochen oder von Eltern oder Erziehern der rechten Szene in Interviews gegeben. Das Interessante: Nicht jedes Statement ist dabei per se zuverdammen. Fehlende Zeit für Kinder, die Digitalisierung der Lebenswelt und viele Themen mehr sind allgemein kommunizierte Problematiken. Immer wieder konnten die Jurymitglieder entdecken, wie sie auch ihren eigenen Standpunkt bezüglich der angesprochenen Problematiken hinterfragten, immer wiederaber konnten sie auch entdecken, dass eben nicht einzelne Argumente zu hinterfragen sind, sondern die demokratiefeindliche Haltung, die hier entsteht oder bei den Sprechenden ganz klar zu beobachten ist.

Die durchaus berechtigte, aufkommende Frage, ob Teile oder einzelne Motive des Films auch von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnten, diskutierte die Jury ausgiebig. Immerhin bildet der Film, aufgrund seiner mitunter zarten Töne, eine durchaus romantisierende Vorstellung von Familie ab. Allerdings, so die eindeutige Antwort der Jury, berichtet der Film in seiner vollen Länge eindeutig über das Erwachsenwerden in sektenähnlichen Strukturen, die auf ein Leben aus Hass und Lügen vorbereiten.

KLEINE GERMANEN zeigt auf ganz subtile Weise, wie es ist, in einer Welt aufzuwachsen, in der nicht Liebe, sondern der Stolz auf die Deutsche Nation propagiert wird. Dabei ist KLEINE GERMANEN definitiv kein Agitationsfilm, sondern der feinfühlige Versuch zu verstehen, wie eine Kindheit in rechten Gruppierungen aussieht und was diese Gruppierungen zusammenhält. Mit ihrer Verbindung aus Dokumentar- und Animationsfilm gewähren Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger Einblicke in die umfassenden Strukturen von Familien im rechten Spektrum, die vielleicht nie so explizit und so erschütternd gezeigt wurden.



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