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Peter Lindbergh - Women Stories
Peter Lindbergh - Women Stories
© DCM GmbH / Peter Lindbergh

Kritik: Peter Lindbergh - Women's Stories (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Seine Fotos sind weltberühmt, den Mann dahinter kennen nur wenige. Peter Lindberghs zweite Ehefrau Petra ist das beste Beispiel. Beim ersten Kennenlernen sagte ihr sein Name nichts, seine Modeaufnahmen waren ihr hingegen ein Begriff. Und auch Regisseur Jean Michel Vecchiet, der mit Lindbergh seit Jahrzehnten befreundet ist und dessen Arbeit wiederholt mit der Filmkamera begleitet, hat so seine Schwierigkeiten, den Mann hinter dem Fotoapparat zu fassen.

Vecchiets Film stellt zwei grundsätzliche Fragen: Wie und warum wird jemand ein Künstler? (Eine Frage, die sich der Regisseur auch selbst stellt, da er sich mehr als Künstler denn als Dokumentarist begreift, was seinem Film wiederum in jeder Minute anzusehen ist.) Und wie porträtiert man jemanden, der sich nicht porträtieren lassen will? Vecchiet findet auf keine der beiden Fragen eine befriedigende Antwort, für Letztere aber zumindest einen spannenden Lösungsansatz.

Weil Lindbergh Vecchiets Fragen beständig ausweicht, sie geschickt umtänzelt, wie er an den Sets mit dem Fotoapparat in der Hand leichtfüßig um die Models tippelt, erzählt Vecchiet Lindberghs Leben und Karriere nicht durch dessen eigene Augen, sondern durch die der Frauen an seiner Seite. Neben Lindberghs derzeitiger Ehefrau kommen auch seine ältere Schwester Helga Polzin, seine erste Ehefrau Astrid, die Journalistin und Kreativdirektorin Irène Silvagni, die ehemalige Chefredakteurin der italienischen "Vogue" Franca Sozzani, Supermodel Naomi Campbell und (in aller Kürze) Schauspielerin Charlotte Rampling zu Wort.

"Peter Lindbergh – Women's Stories" ist nicht Vecchiets erstes Künstlerporträt. Er hat unter anderem Dokumentarfilme über Marc Riboud, Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat gedreht; wobei Porträt für seinen neuesten Film das falsche Wort ist. Vecchiet begreift sich selbst als Künstler, seinen Film als Kunstwerk. Das macht der Regisseur von Anfang an klar, wenn er sich als Kommentator aus dem Off in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Danach nimmt er sich zugunsten der vielfältigen weiblichen Stimmen zwar ein wenig zurück, drängt dafür aber seine formalen Mittel selbstgefällig in den Vordergrund.

"Peter Lindbergh – Women's Stories" ist eine mitunter betörende audiovisuelle Collage, in der Archivaufnahmen, Voice-over-Kommentare, Tagebucheinträge, Foto-Shootings und die (allzu aufdringliche) Musik meisterhaft montiert ineinanderfließen. Der Film ist mehr dokumentarischer Gedankenstrom, in dem vieles durcheinandergeht, denn chronologisch angeordnete Künstlerbiografie. Leider greifen die Gedanken dabei viel zu kurz. Mehr als fragwürdige Querverbindungen zwischen der Nazi-Vergangenheit von Lindberghs Familie, seiner Nachkriegskindheit und seiner Arbeit fallen Vecchiet nicht ein. Dieser (pseudo-)psychologisch-biografische Ansatz enttäuscht. Fragen nach der Rolle von Frauen und Männern in der Modeindustrie, nach fragwürdigen Körperbildern und Schönheitsidealen kommen dem Regisseur erst gar nicht in den Sinn. Zudem wird Lindberghs Karriere auffällig reibungslos und glatt dargestellt. Im Gegensatz zum Privatleben sucht man Brüche, Ecken und Kanten hier vergebens.

Vecchiets Film will in erster Linie gefallen und sieht auch wunderschön aus. Wer sich tiefere Einblicke in Lindberghs Arbeitsprozess verspricht, wird indes enttäuscht. Dafür ist der gewählte Fokus zu eng. Zwar sind die Szenen an den Sets für all jene aufschlussreich, die selbst fotografieren. Vieles – etwa die Kosten für die mitunter an Filme erinnernden Foto-Shootings oder Lindberghs Rolle als Neuerer der Modefotografie – lässt sich für Laien aber nur erahnen, weil der Regisseur nie in Gesamtzusammenhänge einordnet.

Die Liste der unbeantworteten Fragen ist lang und ließe sich beliebig fortsetzen: Warum fotografiert Lindbergh so gern auf Schwarz-Weiß? (Nachkriegsdeutschland hat er ja live und in Farbe und nicht als Schwarz-Weiß-Fotografie erlebt.) Fotografiert er immer noch analog oder mittlerweile digital? Wie sah die Modefotografie vor Lindbergh aus und was macht seine Porträts so besonders? Ja nicht einmal, ob Lindbergh sich das Fotografieren selbst beigebracht hat oder irgendwo in die Lehre ging, findet im Film (anders als im Presseheft) Erwähnung. Für ein überzeugendes Künstlerporträt ist das zu wenig.

Fazit: "Peter Lindbergh – Women's Stories" ist mehr dokumentarische Collage denn Künstlerporträt, ein audiovisuell betörender Gedankenstrom, der seinen Protagonisten, die (Schönheit der) Frauen und sich selbst feiert. Regisseur Jean Michel Vecchiet verfolgt einen interessanten erzählerischen Ansatz und setzt seine formalen Mittel vorzüglich ein, verliert darüber aber seinen Gegenstand aus den Augen.




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