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Five Fingers for Marseilles
Five Fingers for Marseilles
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Five Fingers for Marseilles (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gute Debütfilme sind selten. Meist haftet den ersten Gehversuchen noch etwas Suchendes, Tastendes und Experimentierendes an. Die eigene Handschrift, eine eigene Filmsprache entwickeln Regisseure meist später. "Five Fingers for Marseilles" bildet eine ganz erstaunliche Ausnahme. Der südafrikanische Neo-Western ist nicht nur für Regisseur Michael Matthews, sondern auch für Drehbuchautor Sean Drummond, Kameramann Shaun Lee und Cutter Daniel Mitchell das erste große Projekt. Dass er bis auf wenige englische Brocken komplett in den Bantusprachen Sesotho und Xhosa gedreht wurde, ist nur eine von vielen schillernden Facetten dieses herausragenden Erstlings.

Die Geschichte steigt kurz vor dem Ende der Apartheid ein, als sich die jugendlichen Slumbewohner die Gängelung ihrer Unterdrücker nicht mehr gefallen lassen, und springt dann 20 Jahre in die Zukunft. Die schreiende Ungerechtigkeit setzt sich mit neuen Machthabern fort. Drummonds Drehbuch skizziert diesen Wandel nicht als realistisches Drama, sondern als überhöhten Neo-Western voll überlebensgroßer Archetypen. Gesellschaftskritik als Genrestück. Zwischen rotbraunen, schroffen Bergen und flacher Graslandschaft bildet die von Lee im warmen Licht der Morgen- und Abendsonne in spektakulären Panoramaaufnahmen eingefangene Landschaft die perfekte Kulisse.

Auf der Suche nach Mitstreitern bewegt sich Vuyo Dabula wie ein südafrikanischer Gary Cooper durch diesen Film. Im Gegensatz zu Coopers Sheriff in "High Noon" hat Dabulas Figur keine weiße Weste. Sein Tau ist ein Schuldbeladener auf Wiedergutmachungsmission. Mit dem von Hamilton Dhlamini mit Lust zur Übertreibung gespielten Sepoko hat Tau einen passenden, irren Konterpart. Wenn Sepoko zu seinen pathetischen Reden anhebt, dröhnt James Matthes' Score wie ein Nebelhorn und im Hintergrund gehen Blitze nieder.

Nicht alles in "Five Fingers for Marseilles" läuft so rund wie das Ende, das den Anfang inhaltlich und visuell wieder aufgreift. Drummonds Skript nimmt einige überflüssige Umwege, durch die der Erzählfluss ins Stocken gerät. Der Mut zu großen Bildern und zur großen Geste, der auch vor einem ironischen und einem bitterernsten Mexican standoff nicht zurückschreckt, macht die kleinen Schwächen allemal wett. Wer Western liebt, kann sich an diesem Film nicht sattsehen.

Fazit: Michael Matthews' Langfilmdebüt ist ein bildgewaltiger Neo-Western, der die Nachwirkungen der Apartheid als furioses Genrestück erzählt. Die Figuren sind archetypisch und überlebensgroß, die Action ist düster. Ein in Bantusprachen gedrehter Erstling, der die eine oder andere Länge durch seinen Mut zur Übertreibung und zur großen Geste wettmacht.




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