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Kritik: Nuestro tiempo (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Carlos Reygadas ist ein Festivalliebling. Bereits sein Debütfilm "Japón" (2002), der vielen Kritikern bis heute als sein bester gilt, erhielt eine Einladung nach Cannes. Auch "Battle in Heaven" (2005), "Stellet Licht" (2007) und "Post Tenebras Lux" (2012) liefen an der Croisette, allesamt im Wettbewerb um die Goldene Palme. "Stellet Licht" bekam den Preis der Jury, "Post Tenebras Lux" den Regiepreis. Und doch spaltet Reygadas Mischung aus Sex und Tod, aus harter Lebensrealität und metaphorischer Überhöhung die Gemüter von Kritikern und Publikum. Das dürfte bei "Nuestro tiempo", der 2018 im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig zu sehen war, nicht anders sein. Das 173 Minuten lange Drama ist Reygadas bislang zugänglichster, weil realistischster Film, durch seine mäandernde, traumgleiche Erzählweise aber auch verdammt sperrig.

Schon "Post Tenebras Lux" trug autobiografische Züge. In "Nuestro tiempo" unterstreicht Reygadas diese noch deutlicher. Zusätzlich zu seinen Kindern stehen nun auch er und seine Ehefrau Natalia López vor der Kamera. Für das Filmverständnis und den Filmgenuss ist dieses Spiel mit der Autofiktion unerheblich. Das komplexe Beziehungsdrama des 1971 geborenen Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten funktioniert auch ohne das Hintergrundwissen um dessen familiäre Verhältnisse. Schließlich erzählt Reygadas eine universelle Geschichte über die (Un-)Möglichkeit monogamer Beziehungen. Es ist eine Geschichte über Begierde, Besitz und Freiheit, über deren Auflodern und Erlöschen und über das zu lange Festhalten aus den falschen Gründen. Gelungen ist diese Geschichte allerdings nur in Ansätzen.

Das Kinopublikum sieht einem Paar dabei zu, wie die Eifersucht des Mannes ihre Ehe nach und nach zersetzt. Der emotionale Antrieb seiner Figuren scheint Reygadas fremd. Auch auf die Frage, ob eine offene Beziehung funktionieren kann und wenn ja wie, hat er keine Antwort. Statt mit dieser Ratlosigkeit offen und ehrlich umzugehen, flüchtet er sich wie von ihm gewohnt in zwar wunderschön auf die Leinwand gepinselte, dieses Mal aber auch reichlich hohle Naturmetaphern. Als der gehörnte Ehemann den Betrug entdeckt, spießt ein wildgewordener Stier ein Maultier auf. Ganz am Ende stößt ein Stier einen anderen in einer wabernden Nebellandschaft von einer Klippe.

"Nuestro tiempo" ist ein hypnotischer Stilmix. Naturalistischen, lange gehaltenen Breitwandaufnahmen steht eine elliptische Narration entgegen, die entscheidende Momente im Off belässt. Die Natur drängt sich auf der Tonspur in den Vordergrund und überlagert das Geschehen. Durch Voice-over-Kommentare wechselt mehrfach die Perspektive. Der Anfang spiegelt das Ende. So wie eine mit Juans Sohn befreundete Jugendliche mit dem Falschen zusammen ist, obwohl sie in den Richtigen verliebt ist, verhält es sich auch mit Juans Ehefrau Ester.

Spannend ist das durchaus selbstkritisch beäugte männliche Selbstverständnis. Zwar geben sich Juan und Phil zivilisiert und kultiviert, bedienen in der Art und Weise wie sie über Ester reden, ja zu verfügen glauben nur eine moderne, vermeintlich aufgeklärte Art des Machismo. Was die Frau an ihrer Seite derweil umtreibt, bleibt wie so vieles seltsam obskur.

Das macht "Nuestro tiempo" zu einem Stimmungsfilm, der mehr einem Ohnmachtsgefühl innerhalb einer Paarbeziehung ähnelt, als eine Erzählung über eine Beziehungskrise zu sein. Ein Drama wie ein düsteres Popalbum, das man in melancholischen Momenten auf den Plattenteller legt.

Fazit: Auch Carlos Reygadas neuestes Werk wird die Gemüter spalten. Das fantastisch aufgenommene und intensiv gespielte Beziehungsdrama ist ein Stimmungsfilm. Statt eine schlüssige Geschichte zu erzählen, verliert sich die beinahe dreistündige Handlung in Seitenwegen und Metaphern. "Nuestre tiempo" ist nicht zuletzt der Versuch, ein Gefühl des Kontrollverlusts audiovisuell auf die Leinwand zu bannen.




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