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Kritik: Antiporno (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die pinku eiga, die pinken Filme, oszillieren irgendwo zwischen Erotik- und Kunstfilm. Ihre Blütezeit hat dieses seltsame Genre-Pflänzchen der japanischen Kinolandschaft längst hinter sich. In den 1970ern machten die kurzen, im 35mm-Format abgedrehten Softpornos noch gut die Hälfte der Kinoproduktion im Land des Lächelns aus. Bei der Filmgesellschaft Nikkatsu liefen die Streifen unter dem Oberbegriff Roman Porno, den das Unternehmen 2016 kurzzeitig wiederbelebt hat. Nikkatsu gab fünf namhaften Regisseuren Carte blanche. Einzige Bedingung: eine Liebesszene alle zehn Minuten. Sion Sonos Arbeitsauftrag schafft es nun als erster in die deutschen Kinos.

"Die Zeiten haben sich geändert. Die Männer sind anders. Aber die Schönheit der Frauen bleibt dieselbe", wirbt ein Trailer für das Reboot. Dass keine einzige Frau unter den Regisseuren ist, ist indes bezeichnend und dient auch Sono als Anlass zur Kritik. Haben sich die Zeiten und Männer wirklich geändert? Oder ist der Blick auf die (Schönheit der) Frauen nicht weiterhin von einem male gaze bestimmt, also von einer männlichen Perspektive, die das weibliche Geschlecht auch immer zum Objekt macht? Sono stellt diese Fragen mal direkt, mal indirekt, indem er seine Hauptfigur in einen mehrfach gebrochenen und gespiegelten Machtkampf aus Kunstbetrieb, Filmindustrie und Familiengefüge wirft. Eine befriedigende Antwort findet Sono nicht, zumal auch er die Körper seiner Darstellerinnen zur Schau stellt und den male gaze bedient.

Wie schon "Love Exposure" (2008), "Tokyo Tribe" (2014), "Tag" (2015) und "The Whispering Star" (2015) – um nur Sonos in Deutschland bekannteste Filme der vergangenen Jahre zu nennen – ist auch "Antiporno" eine filmische Wundertüte und eine knallbunte noch dazu. Seine Protagonistin lebt in einem Apartmentalbtraum aus Kanariengelb und Lippenstiftrot, die das Publikum ebenso heftig anspringen wie die gebrüllten Sätze, die Kyôko (Ami Tomite) ihrer Assistentin Noriko (Mariko Tsutsui) an den Kopf wirft. Der Rest ist ein kunstvolles Spiel mit Erzähl-, Erinnerungs- und Realitätsebenen, die Sono solange miteinander verschränkt, bis sie nicht mehr voneinander zu lösen und seine Handlung nicht mehr eindeutig aufzulösen ist.

"Antiporno" ist mehr virtuos in Szene gesetzte filmische Anklage denn Erzählung. Ein Erotikfilm in der Tradition Nikkatsus ist Sonos Variante nicht. Dafür rückt "Antiporno" seine Künstlichkeit – von den Sets über die hohlen Figuren und das affektierte Schauspiel bis zu den verschachtelten Handlungsebenen – zu sehr in den Vordergrund. Etwas mehr Subtilität hätte es dann gern auch bei der Kritik sein dürfen. Sonos Attacke auf die Meinungsfreiheit als Feigenblatt einer im Kern misogynen Gesellschaft, seine Kritik an der Bigotterie der Familie und einer Medienlandschaft, die Frauen nur als Huren oder Heilige kenne, ist zwar schrill, bunt und derb, greift aber auch reichlich kurz.

Fazit: Fans von Sion Sono werden auch von "Antiporno" nicht enttäuscht. Die Mischung aus Erotikfilm, Medienfarce und Gesellschaftssatire ist ein lauter, derber, knallbunter Farbrausch. Seine plakativ vorgetragene Kritik greift indes zu kurz.




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