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Diamantino
Diamantino
© Koch Media © Drop-Out Cinema eG

Kritik: Diamantino (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Diese Komödie über einen Fußballstar ohne Verstand erweist sich als großer Spaß. Die Regisseure und Drehbuchautoren Gabriel Abrantes und Daniel Schmidt begnügen sich nicht damit, mit der fiktiven Titelfigur den portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo zu persiflieren. Sie stellen ihren kindlichen Ballkünstler vielmehr ins Zentrum einer Satire, die auch das Zeitgeistphänomen der Europafeindlichkeit und des Nationalismus aufs Korn nimmt.

Carloto Cotta spielt Diamantino mit diebischem Vergnügen als einen Mann, der nie zu denken gelernt hat und das in seiner oft verblüfften Miene ausdrückt. Genauso wichtig wie Cottas satirische Darstellung ist der Voice-Over-Kommentar seiner Figur. Diamantino erzählt rückblickend über das Abenteuer seiner späten Bewusstwerdung und bezeichnet sich dabei sogar selbst als Tölpel. Aber zugleich gibt er Einblicke in sein großes, reines Herz. Er erkennt nicht, wie seine bösen Schwestern ihn ausnutzen und betrügen, er merkt nicht, dass sein Adoptivsohn, dem er Waffeln ans Bett bringt, eine Frau ist. Denn Diamantino kennt die Liebe noch nicht.

Eine der schönsten Szenen dieser wirklich inspirierten, vor Ideen sprühenden Komödie handelt davon, wie er im Labor, das ihn untersucht und klonen will, der Aufforderung folgt, sein Unterbewusstsein sprechen zu lassen. Diamantino erhält eine Botschaft aus seinem Inneren, die seinen Adoptivsohn betrifft und die seinen Verstand noch übersteigt. Die liebevolle Art, diesen unschuldigen Charakter bei seiner holprigen Reifung zu begleiten, gibt der ganzen Geschichte eine anrührende Note.

Dabei ist Diamantinos Umgebung größtenteils moralisch verdorben. Seine Schwestern sind herrlich ins Diabolische überzeichnete Charaktere. Rechte Kräfte benutzen Diamantino als Aushängeschild ihres Programms, Portugal wieder großartig zu machen. Die Verwendung des Trump-Slogans für Amerika in Bezug auf dieses kleine Land, dessen Nationalisten nun verkünden, es sei nie klein gewesen, erweist sich als zündender Witz. Die Atmosphäre des Films ist poppig bunt bis ins Schrille hinein. Selige Chorgesänge erklingen und wenn Diamantino mit dem Ball Richtung Tor prescht, wird der Platz von seiner Fantasie geflutet: Riesige Hundewelpen rennen über den Rasen, auf dem sich rosa Nebel ausbreitet. Die visuelle Gestaltung mit ihren Fantasyelementen stellt einen besonderen Reiz dieser gehaltvollen Komödie dar.

Fazit: Die freche Komödie über einen portugiesischen Fußballgott, der im Denken und in der Liebe Nachholbedarf hat, erweist sich als köstlicher Spaß mit satirischen Seitenhieben auf den Zeitgeist. Wenn jemand so berühmt ist wie der tumbe Diamantino, wollen ihn viele Menschen vor ihren Karren spannen, so auch national gesinnte Kräfte, die von der alten Größe Portugals und dem EU-Ausstieg träumen. Das Schönste an dieser inhaltlich und gestalterisch auch auf surreale Elemente setzenden Persiflage ist, dass sie den Hauptcharakter zwar als Narren zeichnet, ihm aber trotzdem ihr Herz schenkt.




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