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FBW-Bewertung: Alles über Evin (2019)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Es gibt einen großen blinden Fleck im Leben von Maryam Zaree, und dies macht sie am Anfang ihres Films sehr anschaulich dadurch deutlich, dass sie für ein paar Sekunden nur Schwarzfilm zeigt. Die in Deutschland erfolgreiche Schauspielerin wurde 1983 in einem berüchtigten politischen Gefängnis im Iran geboren. Doch sie selber weiß kaum etwas darüber. Beide Eltern haben Haft und Folter überlebt und eine neue Heimat in Deutschland gefunden, doch das Thema ihrer Inhaftierung durch das Regime des Ayatollah Khomeini ist für sie Tabu. Maryam Zaree versucht, dieses Schweigen zu brechen, um zu erfahren, unter welchen Umständen sie geboren wurde und eine Zeitlang mit ihrer Mutter im Gefängnis gelebt hat. Von dieser Recherche erzählt sie in BORN IN EVIN ? und der Film wird dabei selber zum Teil dieser Suche. Nachdem die Gespräche mit ihren Eltern nicht sie nicht weiterbringen, macht die Filmemacherinsich auf die Reise und spricht mit anderen Frauen, darunter auch solche, die ein ähnliches Schicksal wie ihre Mutter und sie erlitten haben. Dabei trifft sie eine ganze Reihe von starken, untereinander sehr solidarisch verbundenen Menschen, die aus dem Iran geflohen sind und eindrucksvoll von ihrenErfahrungen berichten. Maryam Zarees Zugang ist dabei sehr subjektiv. Sie ist ihre eigene Protagonistin, denn die Kamera folgt ihr bei den vielen Gesprächen, die sie führt. Im Off erzählt sie selber ihre Geschichte und sie zeigt auch private Filmaufnahmen wie etwa eine bewegende Videobotschaft,die ihr Vater aus der Fremde an seine noch kleine Tochter schickte. Maryam Zaree gelingt das Kunststück, in einem intimen Ton von sich und den Menschen, die sie trifft zu erzählen, ohne dass dies je wie eine Nabelschau wirkt. Dies liegt zum einen daran, dass sie uneitel und mit Humor erzählen kann und keine Furcht davor hat, dorthin zu gehen, wo es wehtut. Einmal ist sie so verzagt, dass sie kurz davor ist, ihr Filmprojekt aufzugeben. Ein Gespräch mit einer Soziologin in Paris, gibt ihr dann neuen Mut und auch diesen Wendepunkt zeigt Maryam Zaree in ihrem Film. Nicht nur in diesem Gespräch wird klar, aus welchen Gründen die damals Inhaftierten und Gefolterten ihren Kindern nichts über diese Zeit erzählen wollen und können. So erfährt Maryam Zaree im Laufe des Films etwas Existentielleres als die Details ihrer Geburt und ihrem Leben als Kleinkind im Gefängnis, nämlich wie diese traumatischen Erfahrungen sowohl ihre spätere Entwicklung, wie die ihrer Eltern geformt haben. Die Mechanismen des Verdrängens, aber auch des Bewältigens des Traumas werden hier ganz konkret deutlich gemacht, und in diesem Sinne erzählt sie eine exemplarische Geschichte, die weit über die Selbsttherapie hinausgeht, die der Film ja offensichtlich für sie auch ist. Und gerade weil sie so radikal privat erzählt, ist BORN IN EVIN ein wichtiger, politischer Film.



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