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Kritik: Aardvark (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Regiedebüt des amerikanischen Filmemachers und Schauspielers Brian Shoaf ist ein in sich gekehrtes Drama, das von Einsamkeit und seelischer Entwurzelung handelt. Mit dem titelgebenden, in Afrika beheimateten Erdferkel verbindet den Helden sein Einzelgängertum. Man weiß nicht viel über die Gewohnheiten des Erdferkels, das nachtaktiv ist und sich bei Gefahr in seiner Höhle verkriecht. Für seine Therapeutin Emily steckt Josh ebenfalls voller Geheimnisse. Er behauptet, wieder einmal seinen entfremdeten Bruder gesehen zu haben, der dann auch prompt in Emilys Leben tritt. Aber wenn Josh sich nur einbildet, den Bruder zu treffen, wie real sind dann Emilys Begegnungen mit ihm? Das Drama baut rasch eine rätselhafte Spannung auf, während es sich in den Alltag des vermutlich schizophrenen Josh und seiner Therapeutin vertieft.

Es ist fast unmöglich, sich dem emotionalen Sog dieses beeindruckend intensiven Dramas zu entziehen. Schon bald merkt das Publikum, dass Josh Erscheinungen hat. Er selbst weiß das offenbar selbst, aber zugleich auch wieder nicht. Sich auf die Arbeit im Café zu konzentrieren, fällt ihm schwer, er ist anfällig für Störungen. Nach und nach mehren sich die Puzzlestücke eines seit Kindheit einsamen Lebens. In Rückblenden sieht sich Josh als Besucher eines Zoos, in dem er fasziniert das Erdferkel betrachtete. Der ältere Bruder war damals nicht gut zu ihm, stand ihm aber sehr nahe. Die Beziehung scheint sehr zwiespältig gewesen zu sein und es bleibt lange offen, wieso der Kontakt abgebrochen ist.

Die Gespräche Joshs mit der ebenfalls einsamen Therapeutin setzen für beide eine Entwicklung in Gang. Josh kann feinfühlig erkennen, dass es Emily schlecht geht. Zuweilen redet er mit ihr, als wäre er ihr Therapeut. Mit seinem Zickzackkurs zwischen der realen und der fantasierten Welt, die sich auch überlappen können und dabei neue Entwicklungen in Gang setzen, regt der Film stark zum Mitdenken an. Er kann als eine Parabel über die menschliche Isolation, oder über das Kontinuum zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit betrachtet werden. Ohne Fantasien und innere Überzeugungen kommt niemand aus. Manchmal verselbstständigen sie sich, weil sie die fehlende Nähe zugewandter Menschen ersetzen. Das Schöne aber ist, dass Fantasien auch echte Kontakte beflügeln können.

Fazit: Das Rätselhafte ist Programm in diesem atmosphärisch dichten Drama des amerikanischen Filmemachers Brian Shoaf. Indem es einen psychisch ernsthaft beeinträchtigten Mann begleitet, führt es dem Publikum die Unsicherheit vor, nicht zwischen realen und eingebildeten Ereignissen unterscheiden zu können. Die junge Psychotherapeutin des Mannes, die ebenfalls mit dem Problem der Einsamkeit zu kämpfen hat, wird mit ihm in einen Strudel verwirrender Vorkommnisse gerissen, die beider Leben verändern. Traurigkeit vermischt sich mit Trost in diesem für verschiedene Deutungen offenen Geschehen, das zeigt, wie unsinnig es sein kann, Menschen einfach als gesund oder krank zu etikettieren.




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