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Die Getriebenen
Die Getriebenen
© Paramount Pictures Germany

Kritik: Die Getriebenen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die sogenannte Flüchtlingskrise des Sommers 2015 galt noch vor kurzem als eine Aufgabe bisher ungeahnten Ausmaßes für Deutschland, welche die Bundeskanzlerin Angela Merkel damals mit dem berühmten Satz "Wir schaffen das!" beantwortete. Das Drama des Regisseurs Stephan Wagner basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Robin Alexander. Es zeichnet die 63 Tage im Sommer und Herbst 2015 nahe an den Tatsachen nach, um das politische Interessengeflecht im In- und Ausland abzubilden, in dessen Zentrum Angela Merkel ihre Entscheidung traf. Dabei deutet der Film ihre eigenen Motive nicht wirklich überraschend als Geste der Menschlichkeit.

Der wichtigste Eindruck im Film ist die Hektik im politischen Alltag der Kanzlerin. Ständig ist sie unterwegs, telefoniert im Auto, wird auf dem Weg zur nächsten Sitzung von ihrem Personal über anstehende Termine und neue Entwicklungen informiert. Dieser Dynamik entsprechend setzt der Film auf einen Stil der Atemlosigkeit. Die Szenen sind extrem kurz, oft fallen nur drei-vier Dialogsätze und schon erfolgt ein Schnitt zum nächsten Schauplatz. Es gibt viele Splitscreens und eingeflochtene dokumentarische Archivaufnahmen, in denen vor allem Flüchtlinge zu sehen sind, die irgendwo im Freien darauf warten, aufgenommen zu werden.

Und so schneidet der Film auch inhaltliche Streitpunkte, mit denen sich Merkel konfrontiert sieht, oft eher nur an, um sie abzuhaken, als um sie zu auszuloten. Innerparteiliche Spannungen ploppen auf, die umstrittene Aussetzung der Dublin-Verordnung für syrische Flüchtlinge ergibt kurz einen Paukenschlag, der kaum erklärt wird und im Hagel weniger wichtiger Szenen verhallt.

In Viktor Orbán findet der Film seinen Bösewicht und der CSU-Chef Seehofer erhält quasi sein eigenes Drama, was vor allem dem intensiven Spiel von Josef Bierbichler zu verdanken ist. Damit fällt dieser Charakter auch irgendwie aus dem Rahmen des Films, in dem andere Figuren, vor allem Merkel selbst, maskenhaft bleiben hinter ihren Terminen. Imogen Kogge spielt Merkel sehr nüchtern, als eine oft etwas müde wirkende Frau. Von Merkels politischer Leidenschaft ist in der protokollarischen Atmosphäre dieses Films überhaupt wenig enthalten. Am Schluss macht Merkels sonst stiller Ehemann Joachim Sauer (Uwe Preuss) seiner Gattin überraschend politische Vorwürfe. Der Film hat offenbar noch die lange schwächelnde persönliche, emotionale Ebene nachliefern wollen.

Fazit: Dieser Spielfilm von Stephan Wagner nach dem gleichnamigen Sachbuch von Robin Alexander folgt der Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die Flüchtlingskrise des Sommers 2015. Der filmische Anspruch, eine Art Protokoll der politischen Abläufe mit fiktionalisierten Dialogen anzureichern, überzeugt am ehesten in der Darstellung des hektischen Regierungsgeschäfts. Doch in der Flut der Informationen, die Merkel von allen Seiten, von Beratern, von Freund und Feind zugetragen werden, bleibt ihr und dem Film zu wenig Zeit, um den spannenden Kern ihrer Entscheidungsfindung freizulegen.




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