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Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao
Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao
© Piffl Medien

Kritik: Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz ("Futuro Beach") vertieft sich in diesem berührenden Melodram in die Lebensumstände von Frauen in der patriarchalen Gesellschaft seiner Heimat Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die vom Roman "Die vielen Talente der Schwestern Gusmão" von Martha Batalha inspirierte Handlung erzählt in parallelen Strängen vom Schicksal zweier Schwestern, deren Träume von einer glücklichen Zukunft zerplatzen.

Viele Jahre wohnen sie in Rio de Janeiro in unterschiedlichen sozialen Schichten, ohne voneinander zu wissen. Guida erfährt soziale Ächtung, Eurídice kann ihre künstlerischen Pläne nicht verwirklichen. Nur die Sehnsucht, sich wieder in die Arme zu schließen und gemeinsam die Freude am Leben zurückzugewinnen, hält die Schwestern aufrecht.

Wie Céline Sciammas "Porträt einer jungen Frau in Flammen" widmet sich auch dieser, in einer anderen Zeit und Gesellschaft angesiedelte Film der Unfreiheit von Frauen im Patriarchat. Und wie bei Sciamma dürfen die Frauen sexuelle Lust empfinden, in diesem Fall mit Männern. So eindeutig ist diese Lust allerdings nicht, wie Eurídices verdatterter Blick in den Spiegel im Laufe der Hochzeitsnacht verrät. Doch wenn es überhaupt eine Ebene gibt, auf der sie sich mit dem eher von ihrem Vater als von ihr gewollten Ehemann versteht, dann ist es die körperliche Liebe. So wie für ihre Schwester ist ihr gebärfähiger Körper aber auch ihr Schicksal. Der Frauenarzt achtet gar nicht auf den Einwand der Schwangeren, sie wolle doch aufs Konservatorium, sondern erwartet mütterliche Vorfreude.

Besonders Carol Duarte beeindruckt als Eurídice mit ihrer mühsam kontrollierten Rastlosigkeit, die an ein hin und her streifendes Tier im Käfig erinnert. Aber auch Julia Stockler überzeugt als lebenslustige Guida, die ihre Energie auch nach dem bösen Erwachen aus ihren Jugendträumen nicht einbüßt. Die Hoffnung auf die Wiederkehr der Freude und der schmerzliche Verlust von Illusionen wechseln sich in diesem wunderschön fotografierten Film ab. Sie sprechen aus Bildern, in denen der Himmel oft bedeckt ist und satte Farben des grünen und blauen Spektrums auch in den Räumen vorherrschen. Vielsagend sind auch die Bildkompositionen, prall von Leben, Witz und Ernüchterung. Und dann fällt der Blick auf Eurídices Gesicht, wenn sie sich auf einer Bühne ans Klavier setzt, und man ist bei ihr, so nahe, dass man meint, ihren Herzschlag zu hören.

Fazit: Mit seiner stimmungsvollen Farbigkeit und den vielsagenden Bildkompositionen bietet dieses Melodram des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz erstklassigen Kinogenuss. Die aufwühlende Geschichte zweier Schwestern, denen die patriarchale Gesellschaft Brasiliens der 1950er Jahre die Flügel stutzt, basiert auf einem Roman und wird doch mit einer emotionalen Ausdruckskraft erzählt, für die Worte nur ein Instrument im Orchester sind. Carol Duarte und Julia Stockler spielen die beiden jungen Frauen sehr authentisch in ihrem Ringen um das gestohlene Glück.




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