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Kritik: Wajib (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Wajib", das neueste Werk der 1974 in Bethlehem geborenen Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir ("Das Salz des Meeres"), feierte im Herbst 2017 auf dem Locarno Film Festival seine Premiere. Seither lief es auf etlichen weiteren Festivals (etwa in Toronto, London, Hamburg, Mumbai und Rotterdam) und konnte zahlreiche Preise gewinnen. Im Jahr 2018 war es der palästinensische Oscar-Kandidat.

Als tragikomischer Mix aus Roadmovie und Kammerspiel schildert der Film eine Vater-Sohn-Beziehung und gibt dabei einen kenntnisreichen Einblick in familiäre und soziale Verpflichtungen innerhalb des arabisch-christlichen Kulturkreises in Palästina. Wenn sich der geschiedene Abu und sein erwachsener, im italienischen Exil lebender Sohn Shadi gemeinsam in einem Volvo durch Nazareth begeben, um mehr als 300 Einladungen zur Hochzeit der Tochter beziehungsweise Schwester persönlich zu überreichen, widmet sich "Wajib" unaufgeregt und stets präzise den Konflikten zwischen den Generationen. Die Hauptdarsteller Mohammad Bakri und Saleh Bakri – auch im echten Leben Vater und Sohn – agieren wunderbar miteinander, zwischen spürbarer gegenseitiger Liebe und ebenso spürbarer Gereiztheit. Es wird deutlich, dass Abu und Shadi bei gewissen Themen allzu divergierende Ansichten haben, um zu einer Harmonie zu finden.

Mit ihrem versierten Kameramann Antoine Héberlé ("Paradise Now", "Ein Leben") fängt Jacir gekonnt das Leben in Nazareth ein. Am Rande lassen sich (politische) Spannungen erkennen; als prägnanteste Schauplätze erweisen sich jedoch die Wohnungen in der Nachbarschaft, von Verwandten und Bekannten, in denen immer wieder Essen und Getränke gereicht und Plaudereien abgehalten werden.

Fazit: Eine genau beobachtete Tour durch die arabisch-christlichen Lebenswelten in Palästina mit einem spannungsvollen Vater-Sohn-Duo im Zentrum.




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