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Kritik: Liberté (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Anfang 2018 präsentierte der katalanische Künstler Albert Serra ("Der Tod von Ludwig XIV.") sein selbstgeschriebenes Stück "Liberté" an der Berliner Volksbühne. Auf Basis des Textes verfilmte er den Stoff später – und entwickelte aus dem entstandenen Material zum einen eine Videoinstallation, die unter dem Titel "Personalien" zwischen Februar und Mai 2019 im Museo Reina Sofía in Madrid gezeigt wurde, und zum anderen den 132-minütigen Film "Liberté", der bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Cannes seine Premiere feierte.

Das Ergebnis, das nun auf der Kinoleinwand zu sehen ist, ist ein ungewöhnlicher Mix aus Historien- und Experimentalfilm. Das Werk verzichtet größtenteils auf narrative Elemente und widmet sich ganz dem Spiel der Triebe seiner Figuren. Bei diesen handelt es sich um französische Adlige auf der Flucht vor dem Hofe, wenige Jahre vor der Französischen Revolution. Im deutschen Exil, auf einer Waldlichtung irgendwo zwischen Potsdam und Berlin, verliert sich die Truppe im nächtlichen Cruising zwischen Lust, Schmerz und Frust. Serra macht uns zu einem voyeuristischen Publikum, das dem exzessiven Treiben im permanenten Halbdunkel beiwohnt. Es wird geflüstert und gelauscht, herumgefummelt und beobachtet, kopuliert und masturbiert – wobei deutlich wird, dass das Ausleben der formulierten Fantasien oft weit weniger befriedigend ausfällt als erhofft.

Zur bizarr anmutenden Schminke in den Gesichtern der Figuren und den exorbitanten Perücken und Kostümen passt die auffällige Künstlichkeit der Umgebung. Neben zahlreichen Laien zählen Helmut Berger ("Gewalt und Leidenschaft"), der auch schon im Theaterstück mitwirkte, sowie Serras Stammschauspieler Lluís Serrat zum Ensemble – und tragen dazu bei, aus "Liberté" ein extravagantes audiovisuelles Erlebnis zu machen.

Fazit: Albert Serra fängt die sexuelle Ausschweifung französischer Libertins in einer artifiziellen Wald-Kulisse ein. Ein unkonventionelles Werk!




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