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Kritik: Ama-San (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Ama-San" ist ein Faszinosum, selbst für Menschen, die mit Japans vielfältiger Kultur vertraut sind. Cláudia Varejão entführt ihr Publikum in eine Welt, die angesichts der modernen technischen Möglichkeiten wie ein Eintauchen in vergangene Zeiten anmutet. Während die drei porträtierten Frauen aus drei Generationen zu Hause den Komfort unserer Gegenwart nutzen und genießen, arbeiten sie mit Mitteln wie vor Tausenden Jahren.

Warum sie dies tun, warum die Frauen im 21. Jahrhundert immer noch diese mühevolle Tradition betreiben, warum sie dabei beispielsweise keine Sauerstoffflaschen benutzen oder was es mit den weißen Stofftüchern auf sich hat, die sie sich in einer präzise eingeübten Falttechnik über ihre Neoprenanzüge um die Köpfe wickeln, bleibt offen. Varejão beobachtet bloß. Der von ihr selbst geführten Kamera gelingen dabei atemberaubende Aufnahmen. Die Bilder sind farbenprächtig, kontrastreich und dynamisch. Vor allem unter Wasser, wenn das Sonnenlicht durch die Meeresoberfläche bricht und nur ein Blubbern zu hören ist, entfaltet "Ama-San" einen beinahe meditativen Sog.

Gern hätte man mehr über diese auf westliche Augen so fremd wirkende Tradition erfahren. Varejãos Entscheidung, ihrem Publikum nicht mehr Kontext zu liefern, bewahrt ihrem Film aber etwas Geheimnisvolles. An dessen Rändern schimmert das Geschlechterverhältnis durch, etwa wenn der alte Kapitän, der die Frauen tagtäglich aufs offene Meer fährt, anzügliche Witze reißt. Ansonsten sind die Männer auffällig abwesend. Varejãos Dokumentarfilm gehört ganz den Frauen.

Fazit: Cláudia Varejão ist ein faszinierender Dokumentarfilm über eine faszinierende Tätigkeit geglückt. Ihr Porträt dreier starker japanischer Frauen setzt auf stilles Beobachten in farbenprächtigen Bildern, lässt dabei allerdings viele Fragen offen.




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