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Die Insel der hungrigen Geister
Die Insel der hungrigen Geister
© Grandfilm © Wolf Berlin

Kritik: Insel der hungrigen Geister (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Gabrielle Bradys erster Langfilm, der auf ihrem Kurzdokumentarfilm "The Island" (2017) aufbaut, lebt von unausgesprochenen Gegensätzen. Darin nimmt die australische Filmemacherin, die sich auf Dokumentar- und Hybridfilme spezialisiert hat, Migrationsbewegungen in den Blick. Ohne explizit darauf hinzuweisen, sind deren Unterschiede evident, ja eklatant. Während für die Millionen Krabben, die sich auf der Weihnachtsinsel jedes Jahr aus dem Dschungel Richtung Meer bewegen, eigens Straßen gesperrt werden, sperren die Behörden geflüchtete Menschen zum Teil jahrelang weg. Artenschutz auf der einen, schutzlos Ausgelieferte auf der anderen Seite.

Gestalterisch wirkt auch "Die Insel der hungrigen Geister" wie ein Hybrid. Brady beginnt ihren Film wie einen Spielfilm, wenn ein Geflüchteter in einer offensichtlich nachgestellten Szene in sinnlich vibrierenden Einstellungen durch das Dickicht des Waldes dringt. Immer wieder kontrastiert Brady die fahlen, von viel Gegenlicht durchfluteten Handkameraaufnahmen, die ihre Protagonistin Poh-Lin Lee bei der Arbeit und im Kreis ihrer Familie zeigen, mit dunkleren, kontrastreichen und ruhigen Einstellungen atemberaubender Natur. Zwischen den kleinen und großen Krisen der Traumatherapeutin Lee und ihrer Patienten fungieren diese Bilder ebenso als Ruhepole wie die dokumentierten Opferrituale der chinesischstämmigen Inselbewohner.

Kommentarlos, vorurteils- und wertfrei wirft Brady einen Blick auf ein menschengemachtes System, das Menschen unmenschlich behandelt. Mit zunehmendem Filmverlauf wachsen die Frustration und Verzweiflung sowohl aufseiten der Patienten als auch bei Poh-Lin Lee. Brady verharrt dabei ganz bei ihrer Protagonistin. Die Behördenseite bleibt abstrakt und ungreifbar. "Die Insel der hungrigen Geister" erhält dadurch einen hermetischen Charakter, der den abgeriegelten und weggeschlossenen Zustand der Asylsuchenden formal spiegelt.

Fazit: Gabrielle Bradys Dokumentarfilm über eine an ihrer Aufgabe verzweifelnde Traumatherapeutin ist ein aufmerksam beobachteter und kunstvoll in Szene gesetzter Blick auf die Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Bigotterien unserer Zeit. Formal streng konzipiert, ist dieser Film über zwei sehr unterschiedliche Migrationsbewegungen selbst sehr hermetisch und dadurch nicht jedem zugänglich.




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