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Kritik: Zu weit weg (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Zu weit weg" ist der erste Kinofilm für die Regisseurin Sarah Winkenstette. Nach dem Besuch der RTL-Journalistenschule und einem Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln, arbeitete Winkenstette zunächst als freie Regisseurin für Web-Formate. Mit "Zu weit weg" hofft sie auf den Durchbruch als Spielfilm-Regisseurin. Der Film wurde in Köln und Umgebung gedreht und erhielt Förderungen von der NRW-Filmstiftung und dem Bundeskultusministerium.

Winkenstette beschreibt mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld das Entstehen einer Freundschaft zwischen zwei Jungs, die eines gemeinsam haben: Sie wurden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und Beide mussten ihre Freunde sowie ihr altes Leben hinter sich lassen. Aufgrund dieser Gemeinsamkeit entsteht zwischen Ben und Tariq allmählich eine tiefgehende, auf Vertrauen basierende Freundschaft, die auch den Zuschauer nicht ungerührt lässt.

Doch der Weg dahin ist kein leichter. So muss vor allem Ben zunächst seine Vorurteile und vorgefertigten Meinungen abschütteln um zu merken, dass es keine Rolle spielt wo jemand herkommt und welchem Kulturkreis er angehört. Thematisch könnte "Zu weit weg" aufgrund der allmählich wieder aufkeimenden, auf Europa zukommenden Flüchtlingswelle nicht aktueller sein. Es geht um Fragen der Identität und Zugehörigkeit, um Heimatverlust und Neuanfang, um Freundschaft, Toleranz und den Abbau von Vorurteilen. Daneben spricht Winkenstette auch Aspekte wie Mobbing und Leistungsdruck (sowohl im Sport als auch in der Schule) an.

Ganz und gar verlassen kann sie sich auf ihr starkes Ensemble. Vor allem die Jungdarsteller agieren vor der Kamera erstaunlich abgeklärt und authentisch. Man nimmt Yoran Leicher und Sobhi Awad auch dank ihres facettenreichen Spiels mit Gestik und Mimik jederzeit ihre inneren Befindlichkeiten, Sorgen und Hoffnungen ab.

Fazit: Toll gespielter und sorgsam inszenierter Familienfilm, der aus einer kindlichen Perspektive heraus eine Vielzahl an komplexen Themen behandelt und wichtige Fragen stellt, ohne jedoch mit erhobenem Zeigefinger die Moralkeule zu schwingen.




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