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Kritik: Sterne über uns (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es muss schon viel passieren, um wie Melli und Ben auf der Straße zu landen. Die Prämisse, dass diese beiden wirklich niemanden haben, bei dem sie vorübergehend unterkommen können, hat das Publikum erst einmal zu akzeptieren. Auf den ersten Blick wirkt das unglaubwürdig, einerseits. Andererseits ist es derzeit durchaus realistisch, seine Wohnung zu verlieren und auf dem überhitzten Mietmarkt keine neue zu finden.

Dass Christina Ebelts Langfilmdebüt als Regisseurin dennoch so prima funktioniert, liegt zum einen am Drehbuch, das sie gemeinsam mit Co-Autorin Franziska Krentzien geschrieben hat. Die zwei werfen das Publikum völlig unvermittelt ins Geschehen. Melli und Ben bahnen sich ihren Weg über Feld, Wald und Wiesen zur nächsten S-Bahn-Haltestelle. Die Farben leuchten. Die Kamera ist ihnen mal voraus, mal dicht auf den Fersen. Wie sie in ihrer versteckten Notunterkunft mitten unter freiem Himmel gelandet sind, offenbart sich erst nach und nach.

Dass sie nirgendwo unterkommen, hat auch mit Mellis Persönlichkeit, mit ihrem Stolz und der damit einhergehenden Verschwiegenheit zu tun. Auch wenn bis zuletzt nicht jede Entscheidung überzeugt, fügen sich all die kleinen Puzzlestücke am Ende zu einem glaubwürdigen Ganzen. Und da wären wir beim anderen Punkt, dem großartigen Schauspiel. "Sterne über uns" gehört ganz seinen zwei Hauptdarstellern, dem stillen und ungemein natürlich agierenden Claudio Magno, in erster Linie aber Franziska Hartmann, die mit einer aufopfernden Darbietung das ganze Gewicht dieses Dramas stemmt.

Ebelt inszeniert ihr Debüt schnörkellos. Auf Musik verzichtet sie ganz. Vereinzelt setzt sie kleine Farbtupfer, die sich durchs visuelle Konzept ihres Films ziehen – etwa der Cyan-Ton von Mellis Arbeitsuniform. Ansonsten ist sie mit ihren Figuren permanent in Bewegung. Die ständigen Wiederholungen, die Melli und Ben immer auf dem Sprung, meist zu Fuß, mal in der Bahn zeigen, spiegeln deren Ermüdung und machen sie dem Publikum begreifbar. Ein intensives Drama über eine Mutter, die für ihren Sohn (fast) alles gibt und davon langsam, aber sicher zermürbt wird.

Fazit: "Sterne über uns" ist ein intensiv gespieltes, zurückhaltend inszeniertes Drama über eine aufopfernde Mutter an ihrer Belastungsgrenze. Christina Ebelts Kammerspiel unter freiem Himmel überzeugt durch feine Beobachtungen, Figurentiefe und zwei herausragende Hauptdarsteller.




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