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Kritik: Die Kinder der Toten (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Ungewöhnliche Vorlagen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Um Elfriede Jelineks Roman und seinen unzähligen Figuren, der verschlungenen Handlung, all den Verweisen und Bezügen Herr zu werden, hat das Regieduo den Ausgangstext gar nicht erst gelesen. Stattdessen haben sich Kelly Copper und Pavol Liška den Inhalt lediglich erzählen lassen. Gemeinsam mit ihrem Performancekollektiv "Nature Theater of Oklahoma" und in Zusammenarbeit mit dem Kunstfestival "steirischer herbst" haben sie Jelineks als unverfilmbar geltendes Opus magnum mit Mut zur Übertreibung und ohne Scheu vor Peinlichkeiten adaptiert. Das Ergebnis ist einer der ungewöhnlichsten Filme der vergangenen Jahre, ein irrer Horrortrip, der sich allerdings schnell selbst den Garaus macht.

"Die Kinder der Toten" ist ein moderner Stummfilm. Im grobkörnigen, ruckelnden Super-8-Format gedreht, verzichtet diese Groteske komplett auf gesprochene Dialoge, nicht aber auf Ton. Die von 80 Laien dargebrachte, wildwuchernde Handlung wird von Geräuschen und Blasmusik begleitet und von Texttafeln, die Ortswechsel, Handlungen und Dialoge wiedergeben, unterbrochen. Die Perrücken sitzen ebenso schlecht, wie die Darsteller geschminkt sind. Diese irritierende, mit den Sehgewohnheiten brechende Form verfehlt ihre Wirkung nicht, nutzt sich aber allzu schnell ab. Besonders in den ersten Minuten und später dann im furiosen Finale folgt die Form der Funktion: Copper und Liška halten der provinziellen Idylle den Spiegel vor. Darin zu sehen: eine heuchlerische Gesellschaft, die weder ihre (nationalsozialistische) Vergangenheit bewältigt hat noch aktuelle Probleme wie Sexismus oder Rassismus angeht.

Das ist nicht nur inhaltlich, sondern auch formal eine Zumutung, die das Publikum aushalten muss. Wer auf klassisches Unterhaltungskino steht, dem wird dieser Film schnell unendlich lang. An die Komplexität, Genialität, Dringlichkeit und Wucht der Vorlage reicht das dennoch nicht annähernd heran. Vor allem aber fällt dem Duo nichts Neues mehr ein. All ihr subversives, provozierendes Pulver haben sie bereits in den ersten Minuten verschossen. Danach herrscht viel zu viel Leerlauf und Wiederholung, die nicht dieselbe Kraft wie in Jelineks Roman entwickeln.

Fazit: "Die Kinder der Toten" ist ein wagemutiger, letztlich aber misslungener Versuch, Eflriede Jelineks gleichnamigen Roman zu verfilmen. Die Stummfilm-Groteske fordert das Publikum heraus und hält ihm einen Spiegel vor, läuft aber auch schnell leer und reicht an die Komplexität der Vorlage nicht heran.




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